Klassische Schweinepest in Wildschweinen: Einzelerkrankung oder Seuchenzug?

(19.08.2019) Paarungsverhalten und Bewegungsmuster beeinflussen Dynamik von Tierseuchen

Ein Team aus WissenschaftlerInnen unter Leitung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) hat eine Analyse von Langzeitdaten eines Ausbruchs der Klassischen Schweinepest in Wildschweinen in Mecklenburg-Vorpommern durchgeführt, der sich von 1993 bis 2000 ereignete.

Die Ergebnisse legen nahe, dass nicht infizierte Regionen aufgrund veränderter Bewegungsmuster insbesondere in der Mast- und Paarungszeit (im Herbst und Winter) höhere Infektionsrisiken aufweisen, und erlauben somit erstmals ein gezieltes Eingreifen bei kommenden Ausbrüchen.

Die Erkenntnisse wurden im „Journal of Animal Ecology“ veröffentlicht.


Bache mit Frischlingen

Schweinepest, Tollwut, Vogelgrippe – Krankheitsausbrüche in Wildtierbeständen betreffen oft auch Nutztiere und den Menschen. Ihre Ursachen und die Dynamik ihrer Ausbreitung sind häufig komplex und nicht gut erforscht.

Ein Team aus WissenschaftlerInnen unter Leitung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) hat nun eine Analyse von Langzeitdaten eines Ausbruchs der Klassischen Schweinepest in Wildschweinen in Mecklenburg-Vorpommern durchgeführt, der sich von 1993 bis 2000 ereignete.

Die Ergebnisse legen nahe, dass nicht infizierte Regionen aufgrund veränderter Bewegungsmuster insbesondere in der Mast- und Paarungszeit (im Herbst und Winter) höhere Infektionsrisiken aufweisen, und erlauben somit erstmals ein gezieltes Eingreifen bei kommenden Ausbrüchen. Die Erkenntnisse wurden im „Journal of Animal Ecology“ veröffentlicht.

Die Studie wurde von einem Team aus WissenschaftlerInnen des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ), des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) und der Universität Potsdam unter Leitung des Leibniz-IZW durchgeführt.

„Studien wie diese helfen uns, die zeitlichen und räumlichen Dynamiken von Krankheiten wie der Klassischen Schweinepest aufzudecken und mit diesen Erkenntnissen mögliche Ursachen für lang anhaltende Epidemien und somit Maßnahmen zur Vermeidung von neuen Infektionen und Ausbrüchen abzuleiten“, erklärt Erstautor Cédric Scherer vom Leibniz-IZW.

Die saisonalen Muster der Krankheitsausbreitung unterschieden sich dramatisch. „Interessanterweise wurde auf Landkreisebene ein Infektionseintrag eher im Herbst und Winter festgestellt, während sich Einzeltiere, allen voran junge Wildschweine, am ehesten im Frühling während der Frischlingszeit infizieren“, berichtet Stephanie Kramer-Schadt, die das Projekt am Leibniz-IZW leitet.

„Wir nehmen an, dass dies an der erhöhten Bewegungsaktivität im Herbst und Winter liegt. Vor allem die Partnersuche der Keiler und Nahrungsknappheit führen zu häufigeren Ortswechseln und ermöglichen somit wohl die Ausbreitung der Krankheit über Landkreisgrenzen hinaus“, so Kramer-Schadt weiter. Entgegen gängiger Interpretationen war die Wildschweinedichte in einem Landkreis nicht entscheidend.

„Diese Erkenntnis ist verständlich, da in nahezu allen Landkreisen mehr Wildschweine vorkommen, als es für die Ausbreitung infektiöser Krankheiten notwendig ist“, erklärt der Epidemiologe Hans-Herrmann Thulke (UFZ), der die Studie mitinitiiert hat.

Durch die detaillierten Langzeitdaten, die durch die Behörden in Mecklenburg-Vorpommern während des Ausbruchs gesammelt wurden, war es möglich, die zeitlichen und räumlichen Unterschiede der Seuchenausbreitung zu untersuchen.

Die Autoren analysierten die Daten einerseits für unterschiedliche Phasen der Krankheitsausbreitung und andererseits für einzelne Tiere und gesamte Landkreise.

Die Klassische Schweinepest (oder auch Europäische Schweinepest) ist eine Virusinfektion, die Wild- und Hausschweine befällt. Die Erreger der Klassischen und der Afrikanischen Schweinepest sind trotz ähnlicher Symptome im Krankheitsverlauf nicht verwandt.

Lang andauernde Ausbrüche der Klassischen unter Wildschweinen führen oft zum Überspringen der Infektion auf landwirtschaftliche Schweinehaltungen. So kann erheblicher wirtschaftlicher Schaden entstehen, wenn Millionen von Hausschweinen notgeschlachtet und Exportstopps für Schweinefleischprodukte eingeführt werden.

Um die Ausbreitung der Klassischen Schweinepest in einem Wildtierbestand einzugrenzen, könnten Impfköder ausgelegt und/oder durch Abschuss die Wildschweindichte reduziert werden.

Obgleich ein Absenken der Dichte auf ein theoretisches Minimum oft als Maßnahme diskutiert wurde, zeigt diese Studie, dass in späteren Zeiten des Ausbruchs nicht die Dichte, sondern die durch ein verändertes Bewegungsverhalten zunehmenden Kontaktraten ein Überdauern der Krankheit über mehrere Jahre ermöglichten.

Um ein solches Überdauern oder zukünftige Ausbrüche zu verhindern, müsste also die Verringerung der Kontaktraten im Fokus stehen.

Publikation

C. Scherer, V. Radchuk, C. Staubach, S. Müller, N. Blaum, H.-H. Thulke & S. Kramer-Schadt (2019): Seasonal host life-history processes fuel disease dynamics at different spatial scales. Journal of Animal Ecology. DOI: 10.1111/1365-2656.13070



Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Hans-Hermann Thulke und sein Team modellieren, wie sich die Afrikanische Schweinepest ausbreitet. Sie liefern damit europäischen Behörden wichtige Entscheidungsgrundlagen.; Bildquelle: André Künzelmann / UFZ

Modelle im Kampf gegen die Afrikanische Schweinepest

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA (European Food Safety Authority) hat einen neuen wissenschaftlichen Bericht zum aktuellen Stand der Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest (ASP) innerhalb der EU veröffentlicht
Weiterlesen

Website tracks swine flu across the US in near-real time; Bildquelle: Iowa State University Veterinary Diagnostic Laboratory (ISU VDL)

Website tracks swine flu across the US in near-real time

The Iowa State University Veterinary Diagnostic Laboratory (ISU VDL) diagnoses influenza respiratory disease in swine and provides epidemiological analyses on samples submitted by veterinarians
Weiterlesen

Bundesverband der beamteten Tierärzte

Veterinärrechtliche Eingriffsmöglichkeiten bei der Afrikanischen Schweinepest

Bundesverband der beamteten Tierärzte fordert eindeutiges Bekenntnis der Agrarministerkonferenz zu erweiterten veterinärrechtlichen Eingriffsmöglichkeiten
Weiterlesen

Schweiz

Nationales Früherkennungs-Programm zur Afrikanischen Schweinepest

Um eine mögliche Ansteckung von heimischen Wildschweinen rasch zu erkennen und eine Ausbreitung in der Wildschweinepopulation zu verhindern, wurde ein nationales Früherkennungsprogramm erarbeitet
Weiterlesen

NABU

NABU lehnt Jagdverband-Vorschlag zur Bekämpfung der Schweinepest ab

Der Deutsche Jagdverband hat sich in einem jetzt vorgestellten Sechs-Punkte-Plan zur Bekämpfung und Vorbeugung der Afrikanischen Schweinepest für die Aufhebung von Jagdverboten in Naturschutzgebieten ausgesprochen
Weiterlesen

Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz

Stellungnahme der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz zu ASP und Wildschweinjagd

Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V.: Afrikanische Schweinepest darf nicht Ausrede sein, Gebote des Tierschutzes und der Waidgerechtigkeit bei der Wildschweinjagd zu missachten
Weiterlesen

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

BMEL informiert über Vorsichtsmaßnahmen, um die Verschleppung der Afrikanischen Schweinepest zu verhindern

Die Afrikanische Schweinepest (ASP) tritt seit 2014 in den baltischen Staaten und in Polen auf, in den an die baltischen Staaten und Polen angrenzenden Länder Ukraine, Weißrussland und Russland kommt die Seuche seit Längerem gehäuft vor und verbreitet sich von dort
Weiterlesen

Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)

Neues Pestivirus bei Schafen und Ziegen entdeckt

Wissenschaftler des Instituts für Virologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) entdeckten in einem Kooperationsprojekt bei kleinen Wiederkäuern eine neue Pestivirusspezies, die eine erstaunlich enge Verwandtschaft zum Virus der Klassischen Schweinepest besitzt
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen