NABU, WWF und IFAW fordern in Niedersachsen: Herdenschutz statt Wolfsabschuss

(10.05.2019) NABU, WWF und IFAW kritisieren die Entscheidung des niedersächsischen Landesumweltministeriums, die Abschussgenehmigung des Rodewalder Wolfsrüden mit der Bezeichnung „GW717m“ erneut zu verlängern.

Laut Medienberichten spielt Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies mit dem Gedanken, Wölfe auch ohne individuelle Zuordnung abschießen lassen zu wollen. Aus Sicht der Verbände tragen die Aussagen aus dem Ministerium nicht zu einer Versachlichung der Situation bei. In einem gemeinsamen Statement fordern NABU, WWF und IFAW die Einhaltung europäischen und deutschen Rechts und eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Themen Wolf und Herdenschutz.

NABU

Bereits am 23. Januar 2019 erteilte der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) mit Unterstützung des Niedersächsischen Umweltministeriums die Ausnahmegenehmigung zum Abschuss des Rüden, nachdem eine gehäufte Zahl von Nutztierrissen im Bereich des Rodewalder Rudels verzeichnet wurde.

Die Begründung des NLWKN zur Ausnahmegenehmigung reicht nach Ansicht der Verbände allerdings nicht aus und ist fachlich falsch. Vorwürfe erhebt der NABU-Landesverband Niedersachsen gegenüber dem Land, da es nach seiner Kenntnis kaum Aktivitäten gegeben hat, Risse bei Rindern und Pferden durch entsprechende Herdenschutzmaßnahmen zu unterbinden, während deutlich in die Suche und den Abschuss des Rodewalder Rüden investiert wurde.

Die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) legte bereits im Februar 2019 öffentlich dar, dass auch Rinder vor Wölfen geschützt werden müssen, wenn einzelne Wölfe gelernt haben, Rinder zu töten. Landesumweltminister Olaf Lies sieht das offenbar anders, sagte er doch bei der letzten Sitzung des Arbeitskreises Wolf des niedersächsischen Umweltministeriums, dass bei Rindern die Herde, bestehend aus ausgewachsenen und jungen Tieren, ausreichenden Schutz bieten würden.

„Diese Haltung führt Herdenschutz als nachgewiesene effektive Prävention ad absurdum. An flächendeckendem, fachgerechtem Herdenschutz in Wolfsgebieten führt jedoch kein Weg vorbei“, sagt Claudia Grünewald, Artenschutzexpertin des NABU. Prävention müsse immer das erste Mittel der Wahl bleiben und helfe dabei, dass Lerneffekte bei Wölfen und damit auch Entnahme-Situationen gar nicht erst entstehen.

Moritz Klose vom WWF äußert sich zum Gedankenspiel des Ministers: „ Für eine präventive Entnahme von Wölfen gibt es weder eine rechtliche Grundlage, noch ist sie fachlich sinnvoll. Die Tötung von Wölfen darf nur im Einzelfall, nach Prüfung aller zur Verfügung stehenden Alternativen erfolgen.“

Andreas Dinkelmeyer vom IFAW: „Minister Lies wäre besser beraten, endlich flächendeckenden Herdenschutz in seinem Land umzusetzen, statt Gelder für die langwierige Suche nach einzelnen Wölfen zu verschwenden. Zumal kann weiterhin nicht glaubhaft versichert werden, wie der Rüde eindeutig identifiziert und entnommen werden kann."

Diese Unklarheit werde gerade jetzt – in den Frühjahrsmonaten – besonders relevant. Es könnte versehentlich ein anderes Tier, zum Beispiel die säugende Wölfin, getötet werden, auf die die jungen Welpen, die Ende April/Anfang Mai geboren werden, in dieser Zeit angewiesen sind.

„Wenn von einem Selbstschutz bei Herden ohne fachliche Grundlage ausgegangen wird, handelt das Land grob fahrlässig und schafft erst die Möglichkeit, dass Wölfe lernen, größere Weidetiere zu reißen“, so der Landesvorsitzende des NABU Niedersachsen Dr. Holger Buschmann. „Das Land muss demgegenüber dringend öffentlich fordern, dass Herdenschutzmaßnahmen sofort ergriffen werden, wenn erste Risse in einem Wolfsgebiet erfolgen.“

Die Verbände bewerten die Kommunikation der zuständigen Behörden zum Fall des Rodewalder Rüden seit Beginn mehr als mangelhaft, da die Öffentlichkeit völlig im Dunkeln gelassen würde. „Gute fachliche Praxis im Wolfsmanagement sieht anders aus“, so die Verbände.

Mit dem Schweigen der Behörden zu Hintergründen des Rodewalder Rudels und gleichzeitiger populistischer Stimmungsmache rücke man die konfliktarme Koexistenz von Mensch und Wolf absichtlich in weite Ferne.

Zu einem guten Wolfsmanagement gehören sachliche Informationsarbeit gegenüber der Öffentlichkeit und anderen Interessengruppen ebenso wie eine adäquate Förderung, Beratungsleistung und Umsetzung von flächendeckendem Herdenschutz.




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