Abschuss von starken Steinböcken beeinträchtigt die Bestände der verbleibenden Kolonien nicht

(21.05.2018) Dass Jäger Steinböcke mit überdurchschnittlich langen Hörnern bevorzugt erlegen, ist kaum überraschend. Erstaunlicher ist, dass der Abschuss von starken Böcken die Bestände der verbleibenden Kolonien nicht beeinträchtigt, wie nun eine internationale Studie unter Beteiligung der Eidg. Forschungsanstalt WSL zeigt.

Eine im „Journal of Animal Ecology“ veröffentlichte Studie zeigt, dass für Steinböcke mit überdurchschnittlich langen Hörnern eine grössere Wahrscheinlichkeit besteht, früher geschossen zu werden als gleichalte Böcke mit kürzeren Hörnern.

So war das Horn bei den 13-jährigen und älteren Böcken bis zu 5 cm länger als die in 13 und mehr Jahren gebildete Hornlänge von Tieren, die in höherem Alter erlegt wurden. Vorschriften setzen den Jägern allerdings Grenzen, denn innerhalb einer mehrere Jahre umfassenden Altersklasse dürfen Jäger nur eine bestimmte Anzahl Tiere schiessen.

Die Zahlen belegen, dass Jäger auf Nummer sicher gehen. Sie schiessen innerhalb einer Klasse tendenziell eher Böcke mit überdurchschnittlich langen Hörnern.


Die Forscher analysierten den jährlichen Hornzuwachs von 8355 Steinböcken, die zwischen 1978 und 2013 im Kanton Graubünden erlegt wurden

Gleichzeitig versuchen sie, die Wahrscheinlichkeit eines Regelverstosses zu minimieren, indem sie an der unteren und oberen Altersklassengrenzen möglichst wenig Tiere mit minimaler bzw. maximaler Hornlänge schiessen.

Das internationale Forscherteam unter der Leitung der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL und der Universität Cambridge untersuchte in Zusammenarbeit mit dem Amt für Jagd und Fischerei Graubünden das Wachstum der Hörner der von 1978 bis 2013 im Bündnerland erlegten Steinböcke.

Die Forschenden analysierten, nach welchen Kriterien die Jäger ihre Beute auslesen und ob sich möglicherweise das Hornwachstum oder das Körpergewicht der 8355 geschossenen Böcke während der letzten 40 Jahre verändert hatte. Denn diese Merkmale liessen Rückschlüsse auf die Überlebenschancen der Einzeltiere und der Kolonien zu.

Vitalität der Tiere leidet nicht

„Aus fachlicher Sicht am wichtigsten ist der Befund, dass sich die Steinbockjagd während der letzten 40 Jahre nicht negativ auf die Konstitution der Tiere ausgewirkt hat“, sagt Kurt Bollmann von der Eidg. Forschungsanstalt WSL.


Als ehemals ausgerottete Art gehört der Alpensteinbock zu den gut überwachten Wildtierarten des Alpenraums

Positiv für Jagd wie Naturschutz ist, dass sich das Hornwachstum der Bündner Steinböcke im Laufe der Jahrzehnte nicht verringert hat und auch ihr durchschnittliches Körpergewicht gleich geblieben ist, obwohl auch hier eine jagdliche Vorliebe für starke Tiere besteht.

„Wir sind sehr froh darüber, dass sich das in der Praxis gesammelte Wissen zu unseren Steinbockkolonien wissenschaftlich erhärten liess und die Bündner Steinbockjagd als nachhaltig bezeichnet werden kann“, ergänzt Hannes Jenny vom Amt für Jagd und Fischerei Graubünden.

Jäger und die für sie zuständige Behörde verfolgen teils unterschiedliche Ziele. Während Jäger oftmals nach Alter und Geschlecht bzw. Fleischqualität und Trophäe selektieren, möchte die Jagdbehörde die Grösse der einzelnen Populationen auf einem Niveau halten, das die Schutzfunktion der Wälder gewährleistet und keine grosses Wintersterben bei diesen Wildtieren verursacht.

Unabhängig von diesen Interessen ist es aus wildbiologischer Sicht am wichtigsten, dass sich die Jagd langfristig nicht negativ auf die bejagten Wildtierpopulationen auswirkt.

Als ehemals ausgerottete Art gehört der Alpensteinbock zu den gut überwachten Wildtierarten des Alpenraums. Er gilt heute als eines der Flaggschiffe des Schweizer Naturschutzes.

Die Jagd auf den Steinbock steht unter besonderer Beobachtung, weil diese Tierart langlebig ist, eine relativ geringe Reproduktionsleistung hat und sich deshalb eine unkontrollierte Bejagung auf den Tierbestand negativ auswirken könnte.

Darum hat man in Graubünden, wo rund 40 Prozent aller Steinböcke der Schweiz leben, ein Jagdreglement erlassen, aufgrund dessen jeder Jäger nur alle 10 Jahre ein weibliches Tier und einen Bock einer bestimmten Altersklasse erlegen darf.

Verletzt ein Jäger diese Vorgabe, indem er beispielweise ein älteres Tier mit längeren Hörnern schiesst, muss er eine Busse zahlen und die Beute wird durch den Kanton konfisziert.

Publikation

Buentgen U., et al.: Horn growth variation and hunting selection of the Alpine ibex. Journal of Animal Ecology (2018), doi: 10.1111/1365-2656.12839



Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Steinbockauswilderung im Zillertal; Bildquelle: Alpenzoo Innsbruck

Steinbockauswilderung im Zillertal

Der Alpenzoo Innsbruck hat am 26. Juni 2018 erneut Steinböcke im Zillertal ausgewildert.
Weiterlesen

Ein Alpen-Steinbock bei der Nahrungsaufnahme auf einer alpinen Weide; Bildquelle: Josef Senn/Eidg. Forschungsanstalt WSL

Weidende Tiere federn den Biodiversitätsverlust ab, den Düngung verursacht

Weidende Tiere wirken dem Verlust an Biodiversität, den die Düngung von Wiesen verursacht, teilweise entgegen. Da sie vorwiegend hochwüchsige Pflanzen fressen, fördern sie indirekt niedrigwüchsige Pflanzen, die vom zusätzlichen Licht profitieren und die Artenvielfalt bereichern
Weiterlesen

Steinbock-Horn; Bildquelle: Helmuth Gufler

Gletscher-Fund: 3.500 Jahre altes Steinbock-Horn aus Eis geborgen

Steinbock-Überreste aus der Bronzezeit in Bundesforste-Revier Telfs im Tiroler Ötztal entdeckt – erstmals genetische Analyse möglich – Ausstellung im „Ötzi-Museum“ in Südtirol
Weiterlesen

Der jährliche Zuwachs am Horn des Alpensteinbocks ist anhand der Jahrringgrenzen gut sichtbar. Das Hornwachstum ist ein Indikator für die Lebensbedingungen des einzelnen Tieres; Bildquelle: Amt für Jagd und Fischerei Graubünden

Europäische Frühlingstemperaturen begünstigen die Vitalität des Alpensteinbocks

Der Klimawandel scheint dem Alpensteinbock gut zu tun: Höhere Frühlingstemperaturen, frühere Schneeschmelze und damit ein verbessertes Nahrungsangebot begünstigen das Hornwachstum, ein Indiz für Vitalität
Weiterlesen

(v.l.n.r.): Sepp Loitfellner (Obmann Steinwildhegegemeinschaft Salzburg Ost), Klaus Eisank (Projektleitung - Nationalpark), Hans Pichler (Obmann Steinwildhegegemeinschaft Großglockner), (m.v.l.n.r.): Karl Bauer (Vortragender), LR Christian Ragger (N; Bildquelle: NPHT/Oberdorfer

Neue Steinwildbroschüre beim Steinwildsymposium vorgestellt

Im Rahmen des diesjährigen Steinwildsymposiums in Heiligenblut wurde am Wochenende die auch für Laien höchst interessante Broschüre "Der Alpensteinbock" präsentiert
Weiterlesen

Stiegl unterstützt ab sofort das Steinwild-Projekt im Nationalpark Hohe Tauern. Im Bild sitzend (v.l).: die aktuelle Ratsvorsitzende des Nationalparks Hohe Tauern LR Tina Widmann, Stiegl-Eigentümer Dr. Heinrich Dieter Kiener, der Kärntner L; Bildquelle: Franz Neumayr

Steinwild-Forschungsprojekt in den Hohen Tauern

Mit der Unterstützung des Steinwild-Projekts in den Hohen Tauern setzt die Privatbrauerei Stiegl ihre vor rund 20 Jahren begonnene Zusammenarbeit mit dem Nationalpark Hohe Tauern fort
Weiterlesen

Schweizerischen Gesellschaft für Wildtierbiologie

Der Alpensteinbock überrascht immer noch – selbst 100 Jahre nach seiner Rückkehr in die Schweiz

Am 19. und 20. August 2011 finden die 6. Lysser Wildtiertage statt. Der Anlass ist das bedeutendste jährlich wiederkehrende Treffen für Fachleute der Wildtierbiologie in der Schweiz
Weiterlesen

VUW

Überleben auf Sparflamme: Wie große Säugetiere den Winter in den Bergen überleben

Ein Sonnenbad bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt klingt nicht besonders einladend, aber es stellt einen wichtigen Teil der Überlebensstrategie von Steinböcken im Winter dar
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen