Rizinusöl wirkt über einen G-Protein-gekoppelten Rezeptor

(21.05.2012) Rizinusöl ist vor allem als effektives Abführmittel bekannt, wurde aber auch bereits in der Antike bei Schwangeren zur Förderung der Wehentätigkeit eingesetzt.

Erst jetzt ist es Wissenschaftlern vom Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung gelungen, die entscheidenden Details des Wirkmechanismus zu entschlüsseln. Verantwortlich ist demnach ein Rezeptor mit dem Namen EP3 auf den Muskelzellen des Darmes und der Gebärmutter. Dieser wird durch einen Bestandteil des Öls aktiviert.

Das aus den Samen des Wunderbaums Ricinus communis gewonnene Öl gehört zu den ältesten Arzneimitteln der Menschheit. Die erste Erwähnung als Abführmittel findet sich bereits in 3500 Jahre alten ägyptischen Papyrusschriften. Auch in der griechischen und römischen Antike wurde Rizinusöl in der Medizin eingesetzt.

Seit vielen Jahrhunderten findet es zusätzlich als wehenförderndes Mittel Verwendung: Die in der Geburtshilfe immer noch zum Einsatz kommenden „Wehencocktails“ enthalten unter anderem dieses Pharmakon. Trotz seines weitverbreiteten Gebrauchs in der Schul- und Volksmedizin war bisher unklar, wie Rizinusöl seine abführenden und wehenfördernden Effekte ausübt.

Wissenschaftler um Stefan Offermanns und Sorin Tunaru vom Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim haben nun das lange gehütete Geheimnis gelüftet: „Es war schon viele Jahre bekannt, dass ein bestimmter Bestandteil, nämlich die im Darm aus dem Öl herausgelöste Rizinolsäure, für die Wirkung verantwortlich ist.

Allerdings nahm man bis jetzt an, dass dieses seine Wirkung über eine lokale Reizung der Darmschleimhaut ausübt. „Wir konnten nun zeigen, dass es sich um eine echte pharmakologische Wirkung handelt“, sagte Tunaru, der das Forschungsprojekt leitete.

Schwerpunkt der Abteilung von Offermanns sind die sogenannten G-Protein-gekoppelten Rezeptoren, eine große Gruppe von Rezeptoren, die im Körper wesentlich an der Signalvermittlung in Zellen beteiligt sind. Tunaru hatte zunächst in einem Experiment mit der Rizinolsäure an verschiedenen Zellkulturen Effekte festgestellt, die charakteristisch für diese Rezeptoren sind.

Daraufhin machten sich die Bad Nauheimer Forscher auf die Detailsuche. Hunderte Rezeptoren wurden systematisch ausgeschaltet und anschließend die Reaktion der Zellen auf Rizinolsäure getestet. Am Ende gelang es, den für die Effekte der Rizinolsäure entscheidenden Rezeptor mit dem Namen EP3, der normalerweise durch das Gewebshormon Prostaglandin E2 aktiviert wird, zu identifizieren.

„Den schlagenden Beweis lieferten uns dann Experimente mit Mäusen, in denen der Rezeptor EP3 zuvor durch einen genetischen Eingriff gezielt ausgeschaltet worden war“, erklärt Tunaru. „Anders als ihre genetisch nicht veränderten Artgenossen zeigten die Mäuse, denen der Rezeptor EP3 fehlte, nach der Gabe von Rizinusöl oder auch nur der Rizinolsäure keine vermehrte Darmentleerung.“

Bei trächtigen Tieren wiederum sei keine verstärkte Wehentätigkeit festgestellt worden, was darauf schließen lasse, dass in beiden Fällen der Rezeptor EP3 verantwortlich sei.

Daraus zogen die Max-Planck-Wissenschaftler den Schluss, dass die Rizinolsäure nach ihrer Freisetzung aus dem Rizinusöl zunächst vom Körper über die Darmschleimhaut aufgenommen wird. Anschließend wird der Rezeptor EP3 auf den Muskelzellen des Darms und der Gebärmutter aktiv. Dies wiederum regt die Darm- und Wehentätigkeit an.

Nach Auffassung von Offermanns könnte die Aufklärung des Wirkmechanismus dieses alten Medikaments zu einer Neubewertung seines klinischen Nutzens führen. „In der alternativen und der Volksmedizin ist Rizinusöl noch immer weit verbreitet. In der Schulmedizin wurde es aber nicht zuletzt wegen des unklaren Wirkmechanismus in den letzten Jahrzehnten immer weniger propagiert. Die Ergebnisse unserer Studie könnten dazu beitragen, dass sich dies wieder ändert.“

Zudem besteht die Hoffnung, dass sich für heute bereits genutzte synthetische Wirkstoffe neue Anwendungsgebiete erschließen: „Beispielsweise werden heutzutage zur Steigerung der Wehentätigkeit auch Substanzen verwendet, die den von uns identifizierten für die Rizinolsäure verantwortlichen Rezeptor aktivieren. Denkbar ist, dass man aus diesen Substanzen milde Medikamente zur Darmreinigung oder Förderung der Darmaktivität entwickelt.

Fest steht für die Wissenschaftler jedenfalls eines: Viele der in der Medizin verwendeten Naturheilmittel entfalten letztendlich ebenso wie synthetisch hergestellte Pharmaka ihre Wirkung über spezifische, molekular definierte Mechanismen.



Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Society for Medicinal Plant and Natural  Product Research (GA)

Symposium „Animal Healthcare and Veterinary Phytotherapy: Science and Practice”

Pre-Congress Symposium zum 67. International Congress and Annual Meeting of the Society for Medicinal Plant and Natural Product Research am 1. September 2019 in Innsbruck 
Weiterlesen

Kamillenblüten in Trocknungsanlage; Bildquelle: Ziegler/ATB

Neuer Leitfaden zur Trocknung von Arzneipflanzen

Der eben erschienene „Leitfaden Trocknung von Arznei- und Gewürzpflanzen“ vermittelt in kompakter Form relevante Informationen für die Errichtung und den Betrieb von Trocknungsanlagen
Weiterlesen

Kümmel-Samen; Bildquelle: By Me. (Spice Hunter.) [Public domain], via Wikimedia Commons

Kümmel ist die Arzneipflanze des Jahres 2016

Der "Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde" an der Universität Würzburg hat den Wiesenkümmel zur Arzneipflanze des Jahres 2016 gewählt
Weiterlesen

Ginkgoblätter ; Bildquelle: By THOR (originally posted to Flickr as Gingko Leaf) [CC-BY-2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Arznei oder Lebensmittel: Einstufung von pflanzlichen Stoffen wird leichter

Das Deutsche Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat am 9. September eine Stoffliste für Pflanzen und Pflanzenteile vorgestellt. Vertreter verschiedener Bundesbehörden und der Bundesländer hatten in den vergangenen Jahren das 170-seitige Werk erarbeitet
Weiterlesen

Anis; Bildquelle: By Marc Troubat (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Anis - Heilpflanze des Jahres 2014

Anis ist die Heilpflanze des Jahres 2014. Der Naturheilverein (NHV) Theophrastus möchte mit dieser Wahl auf eine der ältesten Gewürz- und Heilpflanzen aufmerksam machen. Bereits die Römer nutzten gezuckerte Anisfrüchte als Verdauungshilfe nach üppigen Mahlzeiten
Weiterlesen

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Schnelle Wundheilung mit Birken

Seit Jahrhunderten gelten aus der Birke gewonnene Extrakte als traditionelle Heilmittel, die dafür sorgen, dass sich verletzte Haut schneller wiederherstellt. Freiburger Pharmazeutinnen haben die Wirkung eines natürlichen Extrakts aufgeklärt
Weiterlesen

Spitzwegerich; Bildquelle: Dr. Heike Will

Spitzwegerich ist Arzneipflanze des Jahres 2014

Er stillt den Hustenreiz und hilft bei Entzündungen der Haut und der Schleimhaut: Der Spitzwegerich (Plantago lanceolata) ist die Arzneipflanze des Jahres 2014. Dies teilt der „Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ an der Universität Würzburg mit, der seit 1999 die Arzneipflanze des Jahres kürt
Weiterlesen

Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe

Arzneipflanzen: Kamille und Lein haben die größte Bedeutung

Der Anbau von Arzneipflanzen hat in Deutschland eine lange Tradition. Bereits im Mittelalter wurden Pflanzen in Klostergärten gezielt für medizinische Zwecke kultiviert, informiert die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR). Die therapeutisch wirksamen Inhaltsstoffe werden aus Wurzeln, Blättern, Blüten oder Samen gewonnen
Weiterlesen