„Bodymapping nach ESTEVE©“: Barbara Esteve Ratsch stellt ihr innovatives Evaluierungskonzept vor

(24.10.2019) Dr. med. vet. Barbara Esteve Ratsch stellt in Kooperation mit der Veterinary Academy of Higher Learning (VAHL) ihr physikalisch medizinisches Evaluierungskonzept für eine Darstellung der individuellen Problemlisten der Patienten vor

Die Physikalische Medizin ist eine in der Tiermedizin relativ junge Spezialisierung. Sie befasst sich mit der Befundung, Vorbeugung und Behandlung von Bewegungsmustern und Schmerzen. Dafür setzt sie u.a. manuelle, mechanische, thermische, elektrische, licht- und wasserspezifische Techniken ein.

Jedes Tier, bei welchem Bewegungsabläufe erhalten bzw. normalisiert müssen oder unter Schmerz leidet, kann von Physikalischer Medizin profitieren.

Je nach Land ist der Berufstand unterschiedlich gut geschützt, wodurch es in manchen Ländern starke qualitative Schwankungen gibt. Unter anderem liegt dies daran, daß der Tierärztestand das nützliche Potential dieser Spezialisierung nicht erkennt.

Auch mangelt es am „Know How“, wie eine physikalische medizinische Untersuchung zu erfolgen hat und wie sie sich von einer klassischen orthopädischen bzw. neurologischen Untersuchung unterscheidet.

Dr. med. vet. Barbara Esteve Ratsch
Dr. med. vet. Barbara Esteve Ratsch

Die Nachfrage für Physikalische Medizin für Tiere ist in Deutschland in den letzten Jahren stark gestiegen. 

Während in Ländern wie Portugal oder Spanien spezialisierte Tierärzte ihre Räumlichkeiten aufgrund der steigenden Nachfrage aufstocken müssen, durch den Universitätslehrgang an der Vetmeduni Vienna bereits etwa 10% der Kleintierpraktiker Österreichs auf diesem Gebiet spezialisiert sind, sind die deutschen Tierärzte und TFA noch etwas verhalten.

Dies liegt auch an der Vielzahl unqualifizierter Weiterbildungen, die anders als in Österreich noch immer Laien den Zutritt ermöglichen. Wichtig ist, dieses Fachgebiet in professionellen Händen zu wissen und damit verbunden ist die Wahl einer universitätsbasierenden Weiterbildung (www.u-tenn.com, CCRP® und VMPT®: https://vbsgroup.eu , Universitätslehrgang der Vetmeduni Vienna https://www.vetmeduni.ac.at/de/studium/unilehrgang/ccrp/ ) für interessierte Fachleute.

In den letzten 10 Jahren ist die Vielfalt der Modalitäten, mit denen man eine physikalisch therapeutische Behandlung zusammenstellt, stark gestiegen. Dies erschwert den tierärztlichen Einsteiger den Überblick über die richtige Auswahl: „Wann“ soll „was“ „wo“ appliziert werden, „wie“ und „womit“ lässt es sich kombinieren?

Als erste Voraussetzung, um diese Fragen korrekt zu beantworten, ist eine vorausgegangene sorgfältige tierärztliche Untersuchung (Anamnese, allgemeine Untersuchung, orthopädische und neurologische Untersuchung), zzgl. einer physikalisch medizinischen Befundung notwendig.

Die physikalische medizinische Untersuchung beinhaltet die goniometrische Messung der Gelenke, die Messung von Muskelumfängen, das Festhalten von Endgefühlen der Gelenke sowie eine spezielle haptische Untersuchung des Tierkörpers.

Diese zusätzliche physikalisch medizinische Untersuchung wird im Rahmen des klassischen tiermedizinischen Studiums nicht beigebracht, sollte aber vom Tierarzt durchgeführt werden und kann künftig im Rahmen der VAHL in praxisnahen Workshops gelernt werden..

Durch die Ergebnisse aller genannten Untersuchungen wird der individuelle physikalisch medizinische Therapieplan gezielt erstellt.

Als Tierärzte sind wir verpflichtet, unsere Untersuchungen gut und detailliert zu dokumentieren. Leider ist das sehr schwierig, vor jeder Therapie den Bericht der letzten Untersuchung und Behandlung ins Detail durchzulesen und schnell zu überblicken. Diese Tatsache erweist sich umso schwieriger, wenn mehrere Tiere auf einmal in einer Behandlung betreut werden, ein Umstand, der in der physikalischen Medizin nicht unüblich ist.

Das hier vorgestellte physikalisch medizinische Evaluierungskonzept wurde von Dr. Barbara Esteve Ratsch in einem jahrelangen Entwicklungsprozess entwickelt und ermöglicht eine schnelle und übersichtliche Darstellung der komplexen individuellen Problemliste eines Tieres.

Diese Technik der physikalisch medizinischen Evaluierung beinhaltet Untersuchungskriterien aus der chinesischen Medizin, Osteopathie, Sportmedizin, funktionellen Anatomie, Orthopädie und Neurologie.

Durch das Beobachten, Ertasten und Behandeln von Tieren in den letzten 15 Jahren erkannte Dr. Esteve, dass es „Befundungsmuster“ am Bewegungsapparat geben muss.

Aus diesem Grunde begann sie früh, ihre haptische Befundung in graphischer Form darzustellen, um diese „Befundungsmuster“ am Bewegungsapparat kritisch zu überprüfen, die funktionelle Anatomie am Tier besser zu verstehen und dessen Erkenntnisse lösungsorientiert in eine physikalisch medizinische Therapie einfließen zu lassen.

Ergänzend zur einfachen graphischen Darstellung hat sie die Dokumentation komplexer Problemlisten durch das Ankreuzen von tabellarisch aufgelisteten Muskelgruppen verfeinert.

Der Bewegungsumfang und die Endgefühle der betroffenen Gelenke sowie der Muskelumfang von Oberarm bzw. Oberschenkel werden auch übersichtlich festgehalten. Zusätzliche Komorbiditäten sowie die aktuelle „ToDo´s“ Liste können in Form von Symbolen schnell überblickt und somit nicht vergessen werden.

Was wird im Bodymapping nach ESTEVE© eigentlich dokumentiert? Es werden sowohl qualitative als auch semiquantitative Befundungen am Bewegungsapparat relativ schnell und praxisrelevant festgehalten. Es empfiehlt sich, diese Untersuchung vor einer klassischen orthopädischen oder neurologischen Untersuchung durchzuführen, damit keine Details übersehen werden.

Die standardisiert durchgeführte Untersuchung wird qualitativ mit Farben codiert. Dabei kommen fünf Farben zum Einsatz: rosa, gelb, orange, grün und blau. Die hiermit codierten Untersuchungskriterien lauten „Schmerz“ (rosa), „Hypertonie“ der Muskulatur (gelb), „Hypotonie“ der Muskulatur (orange) „Hypertrophie“ der Muskulatur (grün) und „Atrophie“ der Muskulatur (blau).

Die Niederschrift der semiquantitativen Befundung variiert in Abhängigkeit der Kasuistik.

Weitere praxisrelevante Befunde sind u.a. das Dokumentieren der Körperhaltung und die aktuelle Gewichtsverlagerung, Körpergewicht, BCS und MCS.

Die Ziele und Sinnhaftigkeit des innovativen Evaluierungskonzeptes (Bodymapping nach ESTEVE©) sind im wesentlichen:

  • Erstbefundung
  • Erfassen der physikalisch medizinischen Ziele mit Einbindung des Besitzers
  • Zusammenstellen des physikalisch medizinischen Therapieplans
  • Überblick über die physikalische medizinischen Behandlungsbestandteile:
    • Schmerzmanagement (multimodal)
    • Konditionieren; Üben des neuromotorischen Zusammenspiels; Beheben von muskulären Dysbalancen (zwischen Antagonisten, aber auch innerhalb von synergistisch arbeitenden Muskelgruppen); gezielter Aufbau von Muskelfasern, qualitativ und quantitativ; Erhalt / Verbesserung des Bewegungsumfanges von Gelenken
    • Training von Bewegungs- und Verhaltensmustern
  • Schnelle Folgeuntersuchung vor jeder physikalisch-medizinischen Therapie, ggf. erneutes Anpassen des Therapieplanes an die aktuellen Gegebenheiten (z.B. Exazerbation einer Osteoarthrose)
  • Erkennen bzw. Unterscheiden zwischen einer
    • Erstverschlechterung aufgrund von Überarbeitung (z.B. nach Aufheben des Leinenzwanges) und einer
    • neuen hinzugekommenen Problematik, und einer
    • Exazerbation bei einer Osteoarthrose, und einer
    • Therapieresistenz
  • Semiquantitative Beurteilung der Therapieeffektivität durch schnellen Vergleich mit vorangegangenen Untersuchungen.
  • Leichtes Delegieren von Folgeuntersuchungen an ausgebildete Tierärzten (z.B. Urlaubsvertretung)
  • Leichtes Delegieren der erstellten Therapiepläne an geschulten Tierarzthelfern bzw. anderweitig fachlich anerkanntes Personal (z.B.  Anlegen der Elektroden bei der Elektrotherapie an der korrekten Stelle oder des Laserkopfes). Erkennen, wo eine detonisierende bzw. eine tonisierende Massagetechnik sinnvoll ist. Lokalisation für die Behandlung mit Thermotherapie, therapeutischer Ultraschall, Taping etc.
  • Präventive Medizin:
    • Festgestellte minimale Veränderungen am Bewegungsapparat können mit dem Bodymapping nach ESTEVE© einfach festgehalten werden. Ein präventiver Therapieplan kann aufgrund dessen erstellt und monitored werden (z.B. Konditionieren von Welpen, alternde Tiere, Sport-, Arbeits- und Leistungshunde).
    • Die Sportmedizin hat in den letzten Jahren in der Tiermedizin an Bedeutung gewonnen. In den letzten 6 Jahren ist die Anzahl der in der high impact Sportart „Agility“ angemeldeten Teams von 8000 auf 160.000 gestiegen. Bei Sport-, Arbeits- und Leistungshunden ist das rechtzeitige Erkennen einer minimalen Abweichung am Bewegungsablauf sehr wichtig. Eine weniger perfekte fließende Bewegung kann nicht nur eine reduzierte Punktvergabe beim Wettbewerb als Folge haben, sondern auch der Beginn einer tendinomuskulären Erkrankung sein. Diese sind -chronifiziert – oft sehr hartnäckig zu behandeln.
  • Wissenschaftliche Studien:
    • Vergleich der praxisorientierten semiquantitativen Beurteilung eines Patienten mit der analytisch objektiven Beurteilung mit der Ganganalyse (Kinetik und Kinematik)
  • Vergleich der Befundung zwischen Patienten mit ähnlichen klassischen Diagnosen. Optimierung von Routinebehandlungen.
  • Vergleich der Befundung von Hunden / Katzen / Pferden gleicher Rassen (Ausdauer / Kraft / Geschwindigkeit), Alter, aktuelle körperliche Aktivität, Körpergewicht, BCS, MCS.


Das hier vorgestellte Bodymapping nach ESTEVE© ersetzt keine klassische tierärztliche Befundung, sondern ergänzt diese und sollte vom Tierarzt durchgeführt werden.


Abb 1: Beispiel eines Prototyps vom "Bodymapping nach ESTEVE©" bei der Tierart "Hund": Erstuntersuchung: Dobermann, 11 Jahre, m, 45 kg, BCS 6/9, MCS reduziert, Familienhund; Hauptdiagnose: Instabilität untere HWS mit intermittierender Ataxie; Komorbidität: Hypothyreose

Wie ersichtlich, ist das Konzept durch das Codieren der topografischen Lokalisation mit Akupunkturpunkten nicht für jeden sinnvoll. Auch gibt es klinische Zustände, in welchem ein und derselbe Muskel mehrere qualitative Eigenschaften aufweisen kann. Auch lässt sich z.B. der Zeitverlauf der Therapie anhand der Papiergraphiken schwer darstellen.

Das Evaluierungskonzept wird derzeit in einer Kooperation von VAHL und Dr. Esteve Ratsch in eine Online Version umgesetzt und ist ab 2020 im Rahmen einer Schulung allen interessierten TierärztINNen zugänglich.

Die Einzeichnungen sind dadurch jedem deutlich erkennbar dargestellt. Statistische Auswertungen, praxisrelevante Zusammenhänge sowie Verlinkung zum folgernden Therapieplan ist das Konzept.

Das Programm überschreitet jegliche sprachliche Barriere, da es nicht vieler Wörter, lediglich medizinscher Begriffe, bedarf. Standardisierte haptische Untersuchungen sind mit Hilfe des „Bodymapping nach ESTEVE©“ weltweit möglich.

Es wurde an den Tierarten Hund und Katze eingesetzt und wird nun auch bei der Untersuchung von Pferden eingesetzt.


Dr. med. vet. BARBARA ESTEVE RATSCH
C.C.R.P. (Certified Canine Rehabilitation Practitioner)
Faculty Member der Veterinary Academy of Higher Learning (VAHL)
Akademische Expertin für veterinärmedizinische Physikalische Medizin und Rehabilitation für Hunde (Österreich)
Zusatzbezeichnung Akupunktur

eMail: barbara.esteve@veterinary-academy-of-higher-learning.com


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