Strategiepapier zu Tierhaltung, die das Tier stärker in den Mittelpunkt stellt

(26.03.2012) Praktische Optionen und langfristige Visionen: Die Tierhaltung braucht beides, meinen Deutschlands Agrarwissenschaftler auf der Veranstaltung des Fachforums Nutztiere an der Universität Hohenheim - Strategiepapier soll Ende Mai verabschiedet werden.

Universität Hohenheim Eine Tierhaltung, die das Tier stärker in den Mittelpunkt stellt und gesellschaftlich breit akzeptiert ist: Dieses Ziel steht fest. Doch der Weg dorthin darf nicht unterschätzt werden, so das Ergebnis des Fachforums Nutztiere auf seiner 2. Veranstaltung an der Universität Hohenheim.

„Statt einzelne Symptome zu behandeln brauchen wir Forschung, die echte Handlungsoptionen und auch Systemalternativen anbietet“, fordert Prof. Dr. Hubert Wiggering, Sprecher der Deutschen Agrarforschungsallianz (DAFA).

Dazu bedürfe es einer „Art Bundesprogramm Tierhaltung, das die Forschung langfristig strategisch bündelt und darauf ausrichtet.“ Hierüber diskutierten an der Universität Hohenheim 130 Teilnehmer aus Wissenschaft, gesellschaftlichen Gruppierungen, Forschungsförderung, Politik und Wirtschaft.

Antibiotikaeinsatz, Großbetriebe und Hochleistungstiere

„Die Art und Weise, wie Nutztiere gehalten werden, wird heute von großen Teilen der Bevölkerung kritisch gesehen – und dem muss sich auch die Forschung stellen“, so Prof. Dr. Thomas Jungbluth, einer der beiden Initiatoren des Fachforums und Mitveranstalter der Tagung an der Universität Hohenheim. Aber auch fachlich sehen die Wissenschaftler Reformbedarf.

„In einigen Regionen Deutschlands gibt es zum Beispiel inzwischen Viehdichten, die allein unter Umwelt- und Tierseuchenaspekten kritisch zu sehen sind“, sagt Prof. Dr. Folkhard Isermeyer, Mitinitiator des Fachforums Nutztiere.

Das Problem sei jedoch so komplex, dass nur noch der große Wurf helfe, meint Prof. Dr. Wiggering als Sprecher der DAFA.

„Wir brauchen eine zweiteilige Strategie: Die Wissenschaft muss den Mut haben, die Produktionssysteme komplett zu hinterfragen und völlig neu zu denken.

Bis zum Erfolg muss sie aber auch die bestehende Praxis schrittweise verbessern, damit sie wettbewerbsfähig bleibt und zugleich messbare Fortschritte für Tiergerechtigkeit und –gesundheit erzielt.“

Die Dringlichkeit wird durch aktuelle Entwicklungen gestützt

Weltweit nimmt die Nutztierhaltung immer stärker zu: Aktuell produziert die Weltagrarwirtschaft rund 300 Millionen Tonnen Fleisch pro Jahr. Das entspricht 43 Kilo pro Kopf der Weltbevölkerung. Die Welternährungsorganisation FAO geht von einer Verdopplung innerhalb der kommenden 40 Jahre aus.

Am stärksten wächst die Produktion in Asien, Südamerika und Afrika. In Europa schrumpft sie – mit Ausnahme Deutschlands, das Fleisch exportiert.

In Deutschland stammen 60 Prozent der landwirtschaftlichen Erlöse aus der Tierwirtschaft. Nutztierhaltung und die Produktion von Fleisch- und Milchprodukten beschäftigen zusammen rund 600.000 Menschen.

Gleichzeitig nimmt der Trend zu Großbetrieben zu: Heute stammt jedes zweite Schnitzel aus einem Stall mit mehr als 1.000 Tieren. Über die Hälfte aller Frühstückseier stammen aus Hühnerställen mit mehr als 50.000 Tieren.

Aktuelle Umfragen z.B. des Eurobarometers zeigen, dass 66 % aller Deutschen die Tiergerechtheit der Nutztierhaltung als „beunruhigend“ empfinden.

Allerdings sei das Unbehagen vieler gesellschaftlicher Gruppen meist diffus. Zum Teil widersprächen sich auch die verschiedenen Ansprüche, so das Resümee der Forscher.

Die Wissenschaft dürfe sich deshalb nicht in Einzelfragen verlieren. „Wir brauchen eine Gesamtstrategie, bei der Tierforscher, Agrarökonomen, Veterinäre, Umweltforscher und viele benachbarte Disziplinen eng zusammenarbeiten“, so Prof. Dr. Wiggering.

Strategiepapier soll Ende Mai verabschiedet werden

Ende Mai wollen die Forscher ihre Strategie offiziell vorlegen. Zur Vorbereitung haben sie sich seit Herbst 2011 mehrfach getroffen. Die aktuelle Veranstaltung war die letzte Vorbereitungsrunde.

Nun werden die Ergebnisse der Hohenheimer Tagung eingearbeitet, so dass der Mitgliederversammlung der Deutschen Agrarforschungsallianz eine gründlich vorbereitete Beschlussvorlage unterbreitet werden kann.

Die Deutsche Agrarforschungsallianz (DAFA) umfasst 55 Mitgliedseinrichtungen aus der Agrarforschung und repräsentiert damit einen Querschnitt durch die Forschung von Universitäten, Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen von Bund und Ländern.

Der diskutierte Strategieentwurf ist unter www.dafa.de veröffentlicht.



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