Wissenschaftler wollen die Milchkuh besser verstehen und neue Zuchtstrategien entwickeln

(05.12.2017) Sieben europäische Länder sowie China und die USA forschen gemeinsam im GplusE-Projekt

20 Mio. Milchkühe gibt es in Europa. Mit 4,2 Millionen Milchrindern und rund 70.000 Milcherzeugern ist Deutschland die größte Milchnation in der EU (Quelle: Statisches Bundesamt/Stand Mai 2017).

Die führenden internationalen Kuhmilch-Produzenten sind die USA, Russland, China und Indien. Milch gehört weltweit zu den wichtigsten Lebensmitteln.


In der Experimentieranlage Rind untersuchen Dr. Frank Becker (li.) und Dr. Sergio Eliseo Palma Vera die deutsche Testherde.

Dennoch werden die Milchproduktion und Aspekte der artgerechten Haltung von Milchrindern auffallend kontrovers diskutiert. Ein wichtiges Anliegen in der modernen Milchviehhaltung ist die Verlängerung der Nutzungsdauer von Milchkühen.

Dazu muss die Fruchtbarkeit und die Gesundheit der Tiere verbessert werden.

In dem EU-Forschungsprojekt GplusE stehen vor diesem Hintergrund ganzheitliche Lösungs- und Managementsysteme im Mittelpunkt, da die Haltungs- und Umweltbedingungen einen entscheidenden Einfluss auf das Wohlbefinden und Leistungsvermögen der Tiere haben.

Das übergeordnete Ziel des EU-Projekts ist die Entwicklung und Nutzung einer Phänotyp-Genotyp-Datenbank, mit der künftig neue Züchtungs- und Haltungsstrategien für eine nachhaltigere Milcherzeugung umgesetzt werden können.

Seit 2014 forschen Wissenschaftler aus sieben europäischen Ländern sowie China und USA in einem Konsortium von 17 Kooperationspartnern im EU-Projekt GplusE (Genotype and Environment) für eine effektivere und nachhaltige Milchproduktion.

Dabei spielen insbesondere Aspekte des Genotyps und ökologische Fragen bei der Haltung von Milchkühen eine Rolle.

Das Projekt unter Federführung des University College Dublin in Irland läuft noch bis 2018 und wird mit insgesamt 8,5 Millionen Euro gefördert. 360.000 Euro davon stehen dem Leibniz-Institut für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf zur Verfügung.

„Nach vier Jahren intensiver Forschung kristallisieren sich jetzt Gensequenzen heraus, die die Gesundheit und Fruchtbarkeit von Milchkühen beeinflussen“, sagte der deutsche Projektleiter und Tiermediziner Dr. Frank Becker vom Institut für Fortpflanzungsbiologie am FBN.

„Diese vielversprechenden Ergebnisse müssen jetzt mit den Daten aus fünf nationalen Testherden, die in geographisch unterschiedlichen Weide- und Stallhaltungsumwelten leben, in der zentralen Datenbank des Forschungskonsortiums abgeglichen werden.“

Genetische Detektivarbeit im Labor

Zusammen mit dem chilenischen Veterinärmediziner Dr. Sergio Eliseo Palma Vera und weiteren Wissenschaftlern ist Dr. Frank Becker am Dummerstorfer Forschungsinstitut für die genetische Auswertung der Blut- und Gewebeproben von den Testherden in Dänemark, Belgien, Irland, Italien und am FBN in Dummerstorf verantwortlich. Untersucht wird die am weitesten verbreitete Milchkuhrasse Holstein-Friesian.

Für die Auswertung des extrem umfangreichen Datenmaterials stehen den Dummerstorfern in Kooperation mit der Universität Rostock leistungsfähige Datenverarbeitungsplattformen zur Verfügung.

Die genetische Detektivarbeit innerhalb des GplusE-Projektes soll auch dazu genutzt werden, eine neue Generation von jungen Wissenschaftlern im Spezialgebiet der Bioinformatik auszubilden.

„Die Landwirte wissen sehr viel über ihre Kühe, aber noch vergleichsweise wenig über genetische und umweltbedingte Einflussfaktoren. Während sich die genomische Selektion beim Zuchtbullen in der Praxis durchgesetzt hat, ist der Einfluss der mütterlichen Seite mit ihrem jeweiligen Genotyp noch weitestgehend unerforscht“, so Becker.

„Es liegt in der Hand der Wissenschaftler, genetische Bio-Marker zu finden, die die inneren Zusammenhänge zwischen dem Stoffwechsel, der Umwelt und Fortpflanzungsfunktionen aufzeigen.

Es geht darum, das Tierwohl und die Tiergesundheit der Milchkühe bei stabilen Leistungen zu verbessern. Wir stehen noch am Anfang; aber molekularbiologische Strategien werden sich auch in der Milchproduktion durchsetzen“, ist Dr. Frank Becker überzeugt.

Das FBN beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Erforschung, Entwicklung und dem Einsatz von Technologien zur Phänotypisierung von Nutztieren.

Bei der Phänotypisierung werden vielfältige Methoden kombiniert, um individuelle Merkmale, z.B. des Stoffwechsels, der Gesundheit oder der Fruchtbarkeit (Phänotyp) mit genetischen Bedingungen und der Umwelt in Beziehung zu setzen und so eine ganzheitliche Einordnung des Tieres zu ermöglichen.

Auf der Grundlage dieser wissenschaftlichen Arbeit soll das Tierwohl stärker in den Fokus einer Ressourcen schonenden Ernährungswirtschaft gerückt und neue Maßstäbe im Umgang mit Nutztieren definiert werden.

www.gpluse.eu


Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Leipziger Tierärztekongress

9. Leipziger Tierärztekongress: Zuchtziele bei Wiederkäuern – Gesundheit hat hohe Priorität

Die Gesundheit der Tiere hat hohe Priorität für eine moderne Tierzucht
Weiterlesen

Konferenzteilnehmer in Saskatoon, Kanada; Bildquelle: Claus Deblitz/Thünen-Institut

Rindfleisch- und Kälberpreise in Nordamerika: Zeit der Rekorde ist zu Ende

2016 war die Wirtschaftlichkeit der Rindfleischproduktion unverändert oder leicht verbessert
Weiterlesen

Suckler-Kühe in der andalusischen Dehesa; Bildquelle: Claus Deblitz/Thünen-Institut

Rinder- und Schafzucht verliert an Wirtschaftlichkeit

Lange Jahre konnten Rinder- und Schafzüchter Ergebnisse erwirtschaften, die deutlich erfreulicher waren als die Resultate von Milchviehbetrieben und anderer Fleischproduzenten
Weiterlesen

Prof. Petra Wolf (Foto l. oben und unten Bildmitte) und ihre Mitstreiter v. l. n. r. Johannes Brade, Matthias Miesorski, Lena Zirpins und Nancy Thiemann; Bildquelle: Universität/Julia Tetzke

„Kälbermama“ hilft Forschern bei Lösungssuche nach besten Aufzuchtbedingungen

Ähnlich wie Babys bekommen Kälbchen in einem Forschungsprojekt der Universität Rostock und des Gutes Dummerstorf mehrmals am Tag Milch. So viel sie wollen
Weiterlesen

Swissgenetics

Besamungspraxis mit Erfolg

Swissgenetics-Lehrgang für tierärztliche Studienabgänger, Anfangsassistenten in der Nutztierpraxis und interessierte Rindertierärzte vom 5. bis 7. November 2014 
Weiterlesen

Die ältesten Forschungsgebäude in Dummerstorf: Stallanlagen aus dem Jahr 1939; Bildquelle: FBN

Wissenschaftsstandort Dummerstorf feiert 75 Jahre Nutztierforschung

Seit 75 Jahren wird in Dummerstorf Nutztierforschung betrieben. Der Wissenschaftsstandort ist somit einer der ältesten und inzwischen die größte Forschungseinrichtung dieser Art in Deutschland. Anlässlich des Jubiläums findet vom 16. bis 19. September 2014 eine Festwoche in Dummerstorf statt
Weiterlesen

Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)

Forscher entwickeln erfolgreich Analyseverfahren zur züchterischen Eignung von Milchkühen

Drei neue Methoden gibt es, um direkt im Betrieb Körperkondition, biologische Rastzeit und den Gesundheitsstatus von Milchkühen zu untersuchen. Die Gesundheits- und Fruchtbarkeitsparameter sollen Aussagen über die züchterische Eignung ermöglichen sowie Gesundheit und Langlebigkeit der Tiere fördern
Weiterlesen

Wagyu-Rinder auf der Weide im Hochland der japanischen Kyushu-Insel.; Bildquelle: Maak/privat

Dummerstorfer Wissenschaftler beraten Wagyu-Zuchtverband

Es gibt nur etwa 600 Wagyu-Rinder in Deutschland, deren Fleisch bis zu 200 Euro je Kilo kostet. Das fein marmorierte Fleisch gilt als Delikatesse und das „beste Fleisch der Welt“. Warum das so ist und was daraus für die allgemeine Rinderzucht abgeleitet werden kann, untersuchen seit vielen Jahren Wissenschaftler vom Leibniz-Institut für Nutztierbiologie in Dummerstorf
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen





[X]
Hinweis zur Nutzung von Cookies

Diese Website nutzt Cookies zur Bereitstellung von personalisierten Inhalten, Anzeigen, Inhalten von sozialen Medien und zur Analyse des Benutzerverhaltens. Die mit Hilfe von Cookies gewonnenen Daten werden von uns selbst sowie von uns beauftragten Partnern in den Bereichen soziale Medien, Online-Werbung und Website-Analyse genutzt. Durch den Besuch unserer Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen.

Mit der weiteren Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Mehr erfahren...