Das erste umfassende Tierlexikon stammt aus Zürich

(15.03.2016) Ausstellung "Tiere von A bis Z – die Tierbücher Conrad Gessners (1516-1565)" vom 17.03.2016 bis 11.09.2016 in Zürich

Im 16. Jahrhundert war die Tierkunde eine weitgehend unerforschte Disziplin. Der Zürcher Stadtarzt und Gelehrte Conrad Gessner versuchte als Erster, die Tiere aller damals bekannten Kontinente zu beschreiben.

Er schuf eine gewaltige Enzyklopädie mit über 1.000 Tieren in Wort und Bild. Die neue Sonderausstellung «Tiere von A bis Z – die Tierbücher Conrad Gessners (1516-1565)» des Zoologischen Museums der Universität Zürich zeigt, wie Gessner das damalige und antike Wissen zusammentrug, neu ordnete und damit die Tierkunde für Generationen auf dem langen Weg zur modernen Zoologie prägte.

Conrad Gessner war ein strukturierter Querdenker. Mit seiner «Historia animalium» schaffte er eine Tier-Enzyklopädie, wie es sie vorher noch nicht gegeben hatte.

Er porträtierte die Tiere anhand ihrer unterschiedlichsten Facetten: Neben Lebensraum, Lebensweise und Physiologie beschrieb er auch ihre Laster oder Tugenden – etwa den selbstlosen Pelikan.

Er thematisierte den gottgegebenen Nutzen der Tiere für die Menschen: Von der Jagd über die Zähmung bis zur Tierhaltung und schilderte, wie man sie kochen oder als Heilmittel nutzen konnte.

Als belesener Universalgelehrter erläuterte Gessner in seiner Enzyklopädie auch die vielschichtigen Tierdeutungen in Literatur und Kunst, in Sprichwörtern und Fabeln.

Erfindung eines Nachschlagewerks für Tiere

Besucherinnen und Besucher der Ausstellung zur Feier des 500. Geburtstags von Conrad Gessner erfahren, wie dieser sein umfassendes Wissen über Tiere anhand eines ausgeklügelten Systems bündelt.

Er unterteilt das Tierreich – in Anlehnung an Aristoteles – in vier grosse Gruppen: Vierfüssige lebendgebärende Tiere, vierfüssige eierlegende Tiere, Vögel und Wasserlebewesen.

Er widmet jeder Gruppe einen Band und listet darin die Tiere alphabetisch auf, wobei er jedes Tierporträt in acht gleiche Unterkapitel einteilt: «Diese Kombination von alphabetischer Reihenfolge und strukturierten Porträts erlaubte erstmals, in einer riesigen Informationsmenge schnell und gezielt bestimmte Angaben zu finden und diese quer über mehrere Tiere zu vergleichen», sagt Lukas Keller, Direktor des Zoologischen Museums der Universität Zürich.

Wissenslücken füllen

Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen wollte Gessner nicht nur alte Werke kritisieren, sondern neues Wissen schaffen. Sein Rezept: «Man sammle in Wort und Bild das ganze überlieferte und zeitgenössische Tierwissen. Man beobachte, seziere, beschreibe und illustriere auch selber.

Mit den eigenen Erkenntnissen hinterfrage und kommentiere man das antike und neue Tierwissen. Nun mische man die inzwischen enorm gewordene Wissensmenge kräftig, zerlege sie in Stücke und ordne sie neu.»

Begnadeter Illustrator und Netzwerker

Neue Massstäbe setzte Gessner in der detailgetreuen Abbildung der Tiere. Mit rund 1’000 Holzschnitten gab er den Bildern einen ähnlichen Stellenwert wie dem Text. Gessner übernahm sie aus Büchern oder von Künstlern; er beobachtete und zeichnete auch viele Tiere selber.

Als eine der lebensechtesten Illustrationen sticht die Amsel in der «Historia animalium» hervor – mit singend geöffnetem Schnabel und einer kleinen abstehenden Feder.

Obwohl er nicht viel reisen konnte, war Gessner gut vernetzt. Er sammelte mit gezielten Suchlisten über sein in ganz Europa verteiltes Korrespondenten-Netz und erhielt etwa einen Tukan-Schnabel, oder eine Echsenhaut von einem italienischen Mittelsmann.

Meister in einer Übergangszeit

Gessner beschritt mit seiner bildgewaltigen Enzyklopädie neue Wege, dennoch stand er am Übergang zwischen antiker Gelehrsamkeit und eigenständiger neuzeitlicher Tierbeobachtung.

Manchmal traute er mehr seinen eigenen Augen, manchmal hielt er sich lieber an das überlieferte Wissen – wie das Einhorn in der Ausstellung veranschaulicht.

Dieses war der Held vieler Fabeln und da Fabelwesen im Schöpfungsplan einen Platz hatten, waren sie für den gläubigen Gessner denkbar.

Von den 25 in seinem Werk beschriebenen Fabelwesen zweifelte er 21 an, das Einhorn bestätigte er. Erst Jahrzehnte später setzte sich die Erkenntnis durch, dass das Horn des Einhorns der Zahn des Narwals ist.

Werk mit Folgen

Die «Historia animalium» in Latein war für Gelehrte gedacht und gelang zuerst nur in Bibliotheken und in die Hände von Reichen.

Um den Absatz zu erhöhen und den Preis zu senken, liess der Buchdrucker Froschauer, der Vorgänger von Orell Füssli, zwei handliche Bildbände herstellen.

Durch die massiv gekürzten lateinischen Texte waren die so genannten Icones lesbarer und die Bilder erhielten noch mehr Gewicht.

Der moderne Buchdruck ermöglichte die Massenvervielfältigung und somit eine schnelle Wissensverbreitung. So fand etwa das Bild der Giraffe in Gessners «Icones animalium» den Weg bis nach China, wo es 1725 in einer Enzyklopädie erschien.

500. Geburtstag von Conrad Gessner

Im Jahr 2016 feiern wir den 500. Geburtstag des berühmten Zürcher Mediziners, Naturforschers und Universalgelehrten Conrad Gessner.

Zu seiner Erinnerung und Würdigung finden in Zürich im Jahr 2016 vielfältige Veranstaltungen statt – siehe www.gessner500.ch.



Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Geschichte der Tierzucht: die Fotosammlung von Julius Kühn

Geschichte der Tierzucht: die Fotosammlung von Julius Kühn

Wissenschaft zum Anschauen und Anklicken: Den Forschungsalltag der Tierzucht im 19. und 20. Jahrhundert an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) zeigt der international erfolgreiche Kurzfilm "Alles was irgendwie nutzt"
Weiterlesen

Die vier Reiter der Apokalypse. Werk: Beato de Fernando I Doña Sancha, datiert auf 1047 n. Chr. (Apoc. VI, 1–8f. 135; shelf 14-2 National Bibliothek, Madrid; Bildquelle: By Français : Facundus, pour Ferdinand Ier de Castille et Leon et la reine Sancha (Real Biblioteca de San Lorenzo) [Public domain], via Wikimedia Commons

Vom Pferd der Könige zum Überbringer der Pest: die Fellfarben unserer Pferde im historischen Kontext

Menschliche Vorlieben hinsichtlich der Fellfärbung bei Pferden haben sich über die Zeit und die Kulturen sehr verändert. Gefleckte und helle Pferde waren vom Beginn der Domestikation bis zur Römerzeit häufig, wohingegen einfarbige, nichtgescheckte Pferde im Mittelalter dominierten
Weiterlesen

Die historische Thierarzneyschule in Jena, 1823. Der Mann im Zylinder soll Renner sein ; Bildquelle: Bildarchiv FLI Jena

200 Jahre Thierarzneykunst in Jena – von Goethe bis zur modernen Tiermedizin

Am 2. September 2016 wird in Jena ein besonderes Jubiläum gefeiert: Vor genau 200 Jahren wurde hier die Thierarzneyschule gegründet, die zahlreiche Impulse für die Tiermedizin setzte
Weiterlesen

Mieke Roscher; Bildquelle: Uni Kassel

Erste Professur zur Geschichte der Tier-Mensch-Beziehungen

Dr. Mieke Roscher hat seit kurzem an der Kasseler Universität die erste Professur für die Geschichte der Beziehungen zwischen Tieren und Menschen (Human-Animal Studies) inne
Weiterlesen

Bildband zeigt historische Fotoplatten des ehemaligen Haustiergartens in Halle

Bildband zeigt historische Fotoplatten des ehemaligen Haustiergartens in Halle

Den Forschungsalltag der Tierzucht im 19. und 20. Jahrhundert an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) zeigt ein neu erschienener Bildband. Rund 50 historische Aufnahmen dokumentieren die Arbeit und das Leben im ehemaligen Haustiergarten der Universität
Weiterlesen

boldt Universität zu Berlin

„Unsere Tiere“ in Berlin: Bedeutende Objekte aus dem Museum für Haustierkunde Halle werden gezeigt

In einer Sonderausstellung geht das Tieranatomische Theater der Humboldt Universität zu Berlin vom 25. April bis 9. August 2014 dem facettenreichen Verhältnis zwischen Mensch und Tier nach
Weiterlesen

Universität Potsdam

Rinderhaltung in China bereits vor 10.000 Jahren

Die Domestikation des Hausrinds stellt einen Meilenstein in der Geschichte der Menschheit dar. Evolutionsbiologen der Universität Potsdam haben jetzt Hinweise darauf gefunden, dass bereits vor 10.000 Jahren im Norden Chinas Rinder gehalten wurden. Die Ergebnisse veröffentlichten sie in der Zeitschrift „Nature Communications“
Weiterlesen

DVG-Fachgruppe Geschichte

Mensch-Tier-Medizin: Beziehungen und Probleme in Geschichte und Gegenwart

17. Jahrestagung und Methodenseminar der DVG-Fachgruppe Geschichte am 8. und 9. November 2013 im Estrel Convention Center Berlin
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen

24.05.