Fische scheuen kein Blitzlichtgewitter

(17.10.2018) Fische können - ähnlich wie Säugetiere und Menschen - Stress empfinden. Sie schütten dann die Hormone Adrenalin und Cortisol aus.

Ob das Fotografieren mit Blitz im Aquarium bei Fischen zum Anstieg des Cortisolspiegels führt, hat ein Wissenschaftlerteam unter Leitung des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) untersucht. Die gute Nachricht: Den Schmetterlingsbuntbarsch können Sie gerne knipsen.


Schmetterlingsbuntbarsch
„Fotografieren mit Blitz erlaubt!“ könnte es zukünftig an einigen Becken in Schauaquarien heißen, denn für manche Fische bedeutet das gleißende Licht eines Kamera-Blitzes kein Stress.

IGB-Forscher Klaus Knopf hat zusammen mit Kollegen der Universität Girona in Spanien und des SEA LIFE Berlin die Reaktion des Südamerikanischen Schmetterlingsbuntbarsches (Mikrogeophagus ramirezi) auf regelmäßiges Kamera-Blitzlicht über 14 Tage untersucht.

Die Forscher bestimmten unter anderem das Stresshormon Cortisol der Fische. „ Fische sind in Bezug auf die Stressreaktion den Säugetieren und uns Menschen sehr ähnlich. Wird eine stressige Situation erlebt, steigt zuerst binnen Sekunden der Adrenalinspiegel im Blut.

Nach einigen Minuten wird dann Cortisol ausgeschüttet“, so Klaus Knopf. Beide Hormone unterstützen zunächst verschiedene Anpassungsmaßnahmen des Körpers: die Herzfrequenz steigt, Muskeln und lebenswichtige Organe werden besser durchblutet.

Wirkt der sogenannte Stressor weiter, kann die andauernde Alarmbereitschaft negative Folgen beispielsweise für die Fortpflanzung, das Wachstum und die Immunfunktionen haben. „Unsere Arbeitsgruppe am IGB erforscht, wie Stress in der Fischzucht und Fischhaltung vermieden werden kann – ein wichtiger Baustein der Krankheitsprophylaxe“, erklärt Knopf.

Mitarbeitende von Schauaquarien und auch die Besucherinnen und Besucher befürchten häufig, dass Blitzlicht die Fische stört und stresst. Die Ergebnisse des Forschungsteams zeigen jedoch für den Schmetterlingsbuntbarsch genau das Gegenteil: Die Werte für Cortisol und Glucose (ein weiterer Stressparameter) waren bei den „geblitzten“ Tieren sogar niedriger als bei den „ungeblitzten“ Fischen der Kontrollgruppe. Die Forscher beobachteten während der Versuchsdauer auch das Verhalten der Tiere.

Die „geblitzten“ Fische zeigten weniger aggressives Verhalten in Form von lateralen Attacken und Maulkontakt als die „ungeblitzten“. „Der Kamera-Blitz scheint die Tiere lediglich etwas abzulenken, aber nicht negativ zu beeinflussen. Dieses Ergebnis lässt sich aber nicht unbedingt auf alle Fischarten übertragen“, so Knopf.

Denn die verschiedenen Fischarten besiedeln Lebensräume mit ganz unterschiedlichen Lichtverhältnissen. Andere Spezies könnten eine andere Reaktion auf grelle Lichtblitze zeigen als der Schmetterlingsbuntbarsch.

Einige Wassertiere, wie beispielsweise der Oktopus, reagieren schreckhaft auf Blitzlicht. Vorerst wird sich bei SEA LIFE Berlin an der Foto-Beschränkung nichts ändern: „Bisher haben wir unsere Besucherinnen und Besucher gebeten, die Fische in den Aquarien nicht mit Blitz zu fotografieren.

Dennoch kommt dies immer wieder vor und dann ist es beruhigend zu wissen, dass es für die Tiere nicht unbedingt Stress bedeutet “, so Martin Hansel von SEA LIFE Berlin.

Publikation

K. Knopf; K. Buschmann; M. Hansel; J. Radinger; W. Kloas: Flash photography does not induce stress in the Ram cichlid Mikrogeophagus ramirezi (Myers &Harry, 1948) in aquaria. Journal of Applied Ichthyology. - 34(2018)4, S. 922-928
https://doi.org/10.1111/jai.13673



Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Max-Planck-Institut für Neurobiologie

Woran erkennt ein Fisch einen Artgenossen?

Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried zeigen, dass Zebrafische bereits einen virtuellen Punkt als Schwarmpartner erkennen - vorausgesetzt, der Punkt bewegt sich wie ein Fisch
Weiterlesen

Der Elefantenrüsselfisch erzeugt kurze schwache Spannungspulse, mit deren Hilfe er seine Umgebung wahrnimmt. Dabei besitzen unterschiedliche Objekte verschiedene "elektrische Farben".; Bildquelle: Martin Gottwald/Uni Bonn

Fisch erkennt seine Beute an elektrischen Farben

Der afrikanische Elefantenrüsselfisch erzeugt schwache elektrische Pulse, um sich in seiner Umgebung zurecht zu finden. Dieser Ortungs-Sinn weist augenscheinlich eine erstaunliche Parallele zum Sehen auf, wie nun eine Studie der Universität Bonn zeigt
Weiterlesen

Venezuela Guppys; Bildquelle: David Bierbach, IGB

Lichtverschmutzung macht Fische mutig

Künstliches Licht in der Nacht macht Guppys am Tage risikobereiter, so das Ergebnis eines Verhaltensexperiments von Forschern des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und des Max-Planck Instituts für Bildungsforschung
Weiterlesen

Seitenansicht einer 6 Tage alten Zebrafischlarve, unter dem Konfokalmikroskop erstellt; Bildquelle: Aristides Arrenberg

Tübinger Neurowissenschaftler stellen selbst entwickeltes Software für Verhaltensstudien an Fischen frei zur Verfügung

Zebrafische gehören erst seit kurzem zu den wichtigsten Tiermodellen der neurowissenschaftlichen Forschung. Laboreinrichtung und Software zur Analyse ihres Verhaltens sind daher oft extrem spezialisiert und teuer
Weiterlesen

Der Blitzlichtfisch lebt in Schwärmen im Pazifischen Ozean in einer Tiefe von bis zu 400 Metern.; Bildquelle: Stefan Herlitze, RUB-Lehrstuhl Allgemeine Zoologie und Neurobiologie

Wie Lichtrezeptoren das Verhalten von Blitzlichtfischen steuern

Bislang unbekannte Proteinkomponenten von Sehpigmenten haben Biologen der Ruhr-Universität Bochum in biolumineszenten Blitzlichtfischen entdeckt. Die sogenannten Opsine ermöglichen es Tieren, Licht einer definierten Wellenlänge wahrzunehmen
Weiterlesen

Ein Taucher mit Harpune nähert sich einem Fisch von der Wasseroberfläche aus.; Bildquelle: David Mandos

Speerfischen macht Fische scheu

Fischereiforscher vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und internationale Kollegen haben die Reaktion von Fischen im Mittelmeer auf das Speerfischen untersucht
Weiterlesen

Dreistachliger Stichling; Bildquelle: WWU/Jörn Scharsack

Mit Parasiten infizierte Stichlinge beeinflussen Verhalten gesunder Artgenossen

Bestimmte Bandwürmer bringen Stichlinge dazu, sich „leichtsinnig“ zu verhalten und so eine leichtere Beute für Vögel zu werden.
Weiterlesen

Nilhechte erzeugen ihr elektrisches Feld mit einem speziellen Organ kurz vor ihrer Schwanzflosse. An ihrem Kopf, Rücken und Bauch sitzen zahlreiche Elektrorezeptoren.; Bildquelle: Sarah Pannhausen/Uni Bonn

Roboterfisch bringt „echte“ Nilhechte zum Reden

Die nachtaktiven afrikanischen Nilhechte erzeugen elektrische Spannungspulse und verschaffen sich damit ein erstaunlich genaues Bild ihrer Umgebung
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen