Einsame Einzelgänger – warum Siebenschläfer nicht so kuschelig sind, wie sie aussehen

(02.07.2020) Tiere kommen aus verschiedenen Gründen in Gruppen zusammen, z. B. aus Gründen der räumlichen Ressourcenverteilung, der sexuellen Selektion und der Paarungsmöglichkeiten oder um das individuelle Risiko, gefressen zu werden, zu senken.

Siebenschläfer sind während der Nahrungssuche tendenziell Einzelgänger, teilen sich jedoch häufig den Schlafplatz. Eine aktuelle Studie eines Forschungsteams am Institut für Wildtierkunde und Ökologie der Vetmeduni Vienna, das seit dreizehn Jahren eine Siebenschläferpopulation im Wiener Wald untersucht, ergab, dass sich die Tiere während akuter Kälteperioden zusammenkuscheln, in Reproduktionsjahren mit hohem Nahrungskonsum jedoch einen einsamen Lebensstil bevorzugen.


Siebenschläfer (Glis glis)

Wann kuscheln?

Einer der Hauptgründe, warum Tiere eng zusammenhocken oder zusammenschlafen, besteht darin, kalte Umgebungstemperaturen zu überstehen.

Durch das Zusammenkuscheln sparen sie Energie, die für die Aufrechterhaltung einer konstanten Körpertemperatur benötigt wird.

Thomas Ruf und Claudia Bieber vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien untersuchten das Gruppierungsverhalten von mehr als 4.000 markierten Siebenschläfern, die im Rahmen einer 13-jährigen Studie aus Nistkästen im Wiener Wald genommen wurden.

Die Siebenschläfer nutzen die Nistkästen als Schlafplätze anstelle natürlicher Baumlöcher. Das Ziel war es zu klären, ob die soziale Thermoregulation, also die Minimierung des Wärmeverlusts, der Hauptgrund für die Gruppenbildung ist und welche Faktoren die Gruppengröße und -zusammensetzung beeinflussen.

Das Forschungsduo konnte seine Annahme bestätigen, dass Siebenschläfer als Reaktion auf akute kalte Umgebungstemperaturen vorübergehend sowohl gemischte als auch gleichgeschlechtliche Gruppen bilden – Kuscheln als thermoregulatorische Strategie.

Dies ist besonders wichtig für Tiere mit geringer Körpermasse. In Vollmastjahren, in denen Laubbäume besonders gut tragen und die Tiere eine gesteigerte reproduktive Aktivität und höhere Nahrungssuche aufzeigen, werden außer bei akuter Kälte Kuschelgemeinschaften aber vermieden.

Einzelgänger nach Wahl, Kuschelbären aus Not

„Es ist bemerkenswert, dass ganze Populationen von Siebenschläfern zwischen einem überwiegend einsamen Leben in Reproduktionsjahren und sozialem Verhalten in Jahren niedriger reproduktiver Aktivität wechseln.

Dies bedeutet, dass mit dem Zusammenkuscheln Kosten verbunden sind“, so Erstautor Thomas Ruf. Das Forschungsteam vermutet, dass der Wettbewerb um lokale Nahrungsressourcen, selbst wenn es im Allgemeinen reichlich Nahrung gibt, die Siebenschläfer dazu bringt, sich in „guten“ Jahren von ihren Artgenossen fernzuhalten.

Die Häufigkeit und Größe der Gruppen ändern sich saisonal und erreichen im Hochsommer ihren Höhepunkt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Siebenschläfer auch in der aktiven Jahreszeit Torpor (eine tägliche Phase erniedrigter Körpertemperatur, um Energie zu sparen) nutzen und dabei Kuschelgemeinschaften bilden.

„Es ist möglich, dass es Synergien zwischen Kuscheln und diesem Erstarrungsverhalten gibt“, sagt Mitautorin Claudia Bieber. „In zukünftigen Studien müssen wir untersuchen, wie Kuscheln und Torpor zusammenwirken.“

Geschwister kuscheln gerne zusammen

Gruppengrößen reichen von 2 bis zu 16 Tiere, wobei kleinere Gruppen weitaus häufiger sind als große.

Die Gruppengröße scheint von der mittleren Körpermasse der Gruppenmitglieder und der Zusammensetzung der Gruppe abzuhängen. In der Studie nahm die Gruppengröße der Population mit dem Anteil verwandter (Geschwister-)Tiere in der Gruppe signifikant zu.

Obwohl größere Gruppen mit Kosten im Hinblick auf den Nahrungswettbewerb verbunden sind, wurden diese Kosten in der Studie durch die Tatsache gemindert, dass Ressourcen auch gemeinsam mit verwandten Artgenossen geteilt wurden, was zu indirekten Fitnessvorteilen führen sollte.

Da der Wettbewerb um Ressourcen mit der Anzahl der anwesenden Tiere stark zunehmen sollte, scheint es ein adaptiver Vorteil zu sein, dass größere Gruppen von Siebenschläfern nicht nur einen konstanten, sondern auch einen zunehmenden Anteil an Verwandten enthielten.

Das Forschungsteam stellte auch eine signifikante höhere Anzahl an Männchen unter den zusammengekuschelten Siebenschläfern fest. Die Auswirkungen des Wettbewerbs wurden durch dieses verzerrte Geschlechterverhältnis gemindert, da dadurch das Teilen von Nahrungsressourcen mit verwandten Weibchen vermieden wird.

Eine wichtige Erkenntnis ist, dass Siebenschläfer sich bevorzugt in männlichem Gruppen mit Wurfgenossen aus früheren Jahren zusammenschließen.

Ich mag dich, ich mag dich nicht

Siebenschläfer sind unter Nagetieren insofern ungewöhnlich, als ihre Geselligkeit von der Verfügbarkeit von Ressourcen abhängt.Derzeit scheint es klar zu sein, dass Siebenschläfer massiv von einem hohen Energieumsatz, einer kontinuierlich hohen Körpertemperatur und einer intensiven Nahrungssuche in Reproduktionsjahren zu einem Energiesparmodus in Jahren geringer reproduktiver Aktivität wechseln, in denen Zusammenkuscheln in großem Umfang genutzt, die Futtersuche reduziert und kurze Torporphasen eingesetzt werden.

Publikation

Der Artikel "Use of Social Thermoregulation Fluctuates With Mast Seeding and Reproduction in a Pulsed Resource Consumer" von Thomas Ruf und Claudia Bieber wurde in Oecologia veröffentlicht.


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