Traumberuf Tierarzt? - Schwerpunktthema beim Leipziger Tierärztekongress 2018

(17.01.2018) Niedergelassene Tierärzte stehen in Deutschland vor beruflichen Herausforderungen. Sie haben vor allem in Großstädten zunehmend Schwierigkeiten, von ihren Praxis-Einnahmen ihren Lebensunterhalt und den ihrer Angestellten zu bestreiten.

"Veterinärmediziner gehören zu den am schlechtesten verdienenden akademischen Berufen in Deutschland", sagt Jan Wolter. Er betreibt eine Zierfischpraxis und ist Vizepräsident der Tierärztekammer Berlin, die diesmal Schirmherrin des 9. Leipziger Tierärztekongresses vom 18. bis 20. Januar 2018 ist.

Leipziger Tierärztekongress 2018 Wesentlich positiver schätzt Dr. Ines Leidel vom Vorstand der Tierärztekammer Sachsen die Perspektiven ihres Berufsstandes ein. "Wir leisten gute Arbeit und haben dadurch auch unser Einkommen", sagt sie. Das Thema wird beim Leipziger Tierärztekongress ein Schwerpunkt des berufspolitischen Forums am 18. Januar sein. "Wege zu Erfolg und Zufriedenheit in der Praxis" ist dieser Programmteil überschrieben.

"Es ist zu wenig Geld im System. Die Tierbesitzer müssten 30 bis 50 Prozent höhere Gebühren zahlen, um die Verhältnisse zu verbessern. Die Kosten steigen ständig, aber die Gebühren werden nicht angehoben", nennt Wolter Gründe, die aus seiner Sicht zu dieser Entwicklung in seinem Berufsstand geführt haben.

Allerdings, so befürchtet er, seien viele Tierhalter nicht bereit, mehr für die Behandlung zu bezahlen. Ein weiterer Grund sei die "falsch verstandene Tierliebe" vieler seiner Kollegen, die Tiere mitunter kostenlos behandeln oder für die Beratung der Tierhalter keine Gebühren erheben. Bessere Verdienstmöglichkeiten gebe es in seinem Berufsstand in der Industrie und im öffentlichen Dienst, etwa als Amtstierarzt.

Ines Leidel betrachtet die Situation differenzierter. "Für Qualitätsarbeit muss auch ein gewisses Entgelt gezahlt werden", betont die Veterinärmedizinerin, die im sächsischen Naundorf eine Praxis mit drei angestellten Tierärztinnen betreibt. Diese wurde kürzlich von der Tierärztekammer Sachsen als "Arbeitnehmerfreundlichste Gemischtpraxis Sachsens mit mehr als zwei angestellten Tierärzten" ausgezeichnet.

Wer sich als Tierarzt mit einer eigenen Praxis niederlassen möchte, müsse wissen, welche Spezialisierung in der Region gefragt ist und was ihm persönlich liegt. "Wenn die Praxisstruktur es nicht hergibt, kann man eben keinen Assistenten einstellen. Wir haben in der Praxis eine sehr schlanke Kostenstruktur", erklärt Leidel, die in ihrer Praxis ohne Tierarzthelferin auskommt.

Möchte heute ein niedergelassener Veterinärmediziner aus Altersgründen seine große Praxis mit zahlreichen Angestellten oder Tierklinik verkaufen, kann das Wolter zufolge kaum noch eine Privatperson bezahlen. Es gebe in der Branche eine zunehmende Monopolbildung, da in der Regel zwei große Kapitalgesellschaften in Deutschland Tierkliniken und -praxen aufkauften, erklärt Wolter, der seit 1996 als Tierarzt tätig ist, Diese Entwicklung sei ähnlich wie im Handel.

In Schweden und Norwegen gibt es fast nur noch große Tierklinik-Ketten. Dort sei man "überrascht über das Einzelkämpfertum in Deutschland". Diese Entwicklung birgt aber auch Risiken, denn die Individualität bleibe dabei auf der Strecke, so der Tierarzt.

Auch Leidel bestätigt den Trend zur Monopolbildung in ihrer Branche. Sachsen sei dabei aus rechtlichen Gründen eine Ausnahme. "Wir werden das aber nicht ewig durchhalten können", sagt sie. Im Gegensatz zu ihrem Kollegen Jan Wolter glaubt sie aber, dass sich diese Entwicklung perspektivisch positiv auf den Verdienst der Angestellten auswirken könnte.

Der Tierarztberuf ist trotz dieser Entwicklungen unter jungen Menschen in Deutschland nach wie vor sehr beliebt. Allein an der Universität Leipzig beginnen jedes Jahr etwa 130 junge Menschen ein Studium der Veterinärmedizin.

Die starke psychische Belastung sei allerdings ein unterschätzter Aspekt dieses Berufs, so Wolter. Leidel empfiehlt jungen Tierärzten trotz dieser Herausforderungen, nach dem Studium als praktizierender Tierarzt zu arbeiten. Dabei müsse ihnen jedoch klar sein, dass in einer tierärztlichen Praxis der tägliche Umgang mit Tieren und Menschen gefragt ist.



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