Mehr Reserveantibiotika im Kuhstall

(22.01.2016) Germanwatch-Recherche: 80 Prozent der Milchkühe erhalten regelmäßig Antibiotika, jede zehnte Behandlung erfolgt mit für den Menschen besonders wichtigen Reserveantibiotika, die benötigt werden, wenn andere Antibiotika nicht mehr wirken.

Rund 80 Prozent der Milchkühe in Deutschland erhalten Antibiotika vor der Geburt des jeweils nächsten Kalbes, jede zehnte Behandlung erfolgt mit sogenannten Reserveantibiotika.

Diese Größenordnung - sie ergibt sich aus Zahlen des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) - ist nach Einschätzung von Germanwatch besorgniserregend.

Reserveantibiotika kommen in der medizinischen Behandlung von Menschen besonders dann zum Einsatz, wenn andere Antibiotika - wegen bereits entwickelter Resistenzen - nicht mehr wirken.

Ein steigender Einsatz von Reserveantibiotika im Kuhstall erhöht die Gefahr, dass sich bei Kühen gegen diese "letzten Mittel" resistente Keime entwickeln, die dann auch auf Menschen übertragen werden können.

Bereits heute sterben in Deutschland mehr als 15.000 Menschen pro Jahr, weil Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirken.

"Kühe erhalten in Deutschland nach unserer Recherche 1,5 bis 3,3 Mal pro Jahr Antibiotika. Das sind besorgniserregende Werte, die wachrütteln sollten", sagt Reinhild Benning, Agrarexpertin von Germanwatch.

"Mit jedem Einsatz von Antibiotika wird die Entwicklung von resistenten Keimen begünstigt. Der Gebrauch der für den Schutz des Menschen wichtigen Reserveantibiotika ist  besonders kritisch zu sehen." Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft bestimmte Reserveantibiotika, die auch in der Milchviehhaltung Anwendung finden, als "besonders wichtig" für den Menschen ein.

Germanwatch fordert von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt einen Systemwechsel in der Tierhaltung, damit Antibiotika nicht mehr systematisch, sondern allenfalls in Einzelfällen gebraucht werden.

Zudem müsse der Minister zügig die Forderungen des Bundesrates nach sehr strengen Regeln gegen unkontrollierten Einsatz und Missbrauch von Reserveantibiotika im Stall umsetzen.

Die Bundesregierung müsse überdies die Rahmenbedingungen für die Bauern endlich verbessern und ihnen ermöglichen, mehr in Tierbetreuung und Tierschutz zu investieren sowie weniger in Höchstleistung in kürzester Zeit.

Elisabeth Boese, Milchviehhalterin aus Niedersachsen, mahnt, die anhaltende Preiskrise bei der Milch verhindere in vielen Betrieben eine gesundheitsfördernde Entwicklung der Kuhbestände. "Molkereien tragen mit Dumpingpreisen erheblich dazu bei, dass Betriebe sich gezwungen sehen bei möglichst geringem Arbeits- und Platzeinsatz mehr Milch aus der Kuh zu holen.

Antibiotika passen in dieses Billigsystem viel besser als Bauernhöfe mit intensiver Tierbetreuung und artgerechter Weidehaltung", so Boese. Bauern und Tierärzte bestätigen die Berichte  über einen steigenden Einsatz von Reserveantibiotika im Milchviehsektor.

Der Nutztierexperte der Gesellschaft für Ganzheitliche Tiermedizin (GGTM), Tierarzt Dr. Andreas Striezel, kritisiert: "Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat seit Monaten versäumt, wirkungsvolle Maßnahmen gegen den zu hohen und zum Teil steigenden Einsatz von Reserveantibiotika zu ergreifen."

Das bisherige Erfassungssystem in der Antibiotika-Datenbank sei nicht ausreichend, da die Meldungen über Antibiotikaeinsätze unvollständig seien und Milchkühe sowie viele andere Tiergruppen nicht erfasst würden. Striezel fordert neben einer verbesserten Antibiotikaerfassung auch wirksame Kontrollen der Tiergesundheit, damit die Einschränkung von Antibiotika nicht zu Lasten der Lebensqualität der Tiere gehe.

"Nur fünf Prozent der Tierarztpraxen verschreiben 80 Prozent der Antibiotika. Wer  Antibiotikabehandlungen reduzieren  möchte, muss einen Wettbewerb schaffen unter Tierärzten um nachhaltige und präventive Konzepte zur Gesunderhaltung von Kühen und allen anderen Tieren“, so Striezel.




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