Universität Kiel präsentiert historische Insektensammlung des Kieler Gelehrten Johann Christian Fabricius

(03.12.2018) Neue Ausstellung der historischen Fabricius-Sammlung im Zoologischen Museum Kiel erlaubt einzigartige Einblicke in die Geschichte der Naturwissenschaften

Am 30. November 2018 eröffnete das Zoologische Museum an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) mit einem Festakt die neue Ausstellung „F. – Schatztruhe und Fenster in die Vergangenheit“.

Hinter diesem Titel verbirgt sich die weltberühmte Insektensammlung des Kieler Gelehrten Johann Christian Fabricius, der als Naturkundler im 18. Jahrhundert an der Kieler Universität wirkte.

Als Schüler Carl von Linnés begründete Fabricius in Kiel die moderne Insektenkunde und trug dabei eine umfangreiche und wissenschaftlich außerordentlich wertvolle Sammlung zusammen.


Ausstellung der Fabricius-Sammlung im Zoologischen Museum Kiel.

Sie besteht vor allem aus damals noch nicht wissenschaftlich beschriebenen Insekten und Krebstieren aus aller Welt. Diese Sammlung macht das Zoologische Museum der Kieler Universität nun für die Wissenschaft und in kleinerem Umfang für die Öffentlichkeit zugänglich.

Die Vielfalt seiner Privatsammlung entstand aus Fabricius‘ regem Austausch mit den bedeutenden Naturforschern seiner Zeit, wie zum Beispiel dem Briten Sir Joseph Banks oder dem Franzosen Georges Cuvier. Fabricius entnahm Teile ihrer Sammlungen und systematisierte sie in Kiel, während andere Teile bei den jeweiligen Sammlern verblieben.

Darunter befinden sich bedeutende Insektensammlungen, die von Fabricius‘ Schülern in Kopenhagen erhalten geblieben sind. Unter den insgesamt rund 11.000 Einzelstücken der nach Kiel zurückgekehrten Sammlung befinden sich beispielsweise Käfer, die während James Cooks erster Weltumseglung ab 1768 entdeckt wurden.


Südamerikanischer Schwimmkäfer ( Megadytes costalis)

Die so aus aller Welt zusammengetragenen Objekte dienen bis heute als Referenz, wenn es um die Erforschung und Benennung einzelner Arten geht.

Die bewegte Geschichte der Fabricius-Sammlung

Die CAU hatte die Privatsammlung von Fabricius nach dessen Tod 1808 erworben und verwahrte sie über viele Jahrzehnte bis kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Diesen überstand sie nur mit viel Glück, da das Zoologische Museum als eines der wenigen Universitätsgebäude nicht zerstört wurde.

In der Nachkriegszeit verlieh die Kieler Universität die Sammlung an das Naturkundemuseum der Universität Kopenhagen. Die dortigen Möglichkeiten zur Aufbereitung und Bewahrung der Sammlung waren deutlich besser als damals in Kiel. Seither blieb die Sammlung als Leihgabe in Kopenhagen, aber im Besitz der Universität Kiel.


In jüngerer Zeit gab es vermehrte Bestrebungen, die Fabricius-Sammlung wieder in das Kieler Zoologische Museum zurückzuholen. Im vergangenen Jahr konnte schließlich eine für beide Seiten sowie für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt zufriedenstellende Lösung erzielt werden.

Die gesamte Käfersammlung, einschließlich der ursprünglich nach Kopenhagen gehörigen Sammlungen ehemaliger Fabricius-Schüler, und rund 100 marine Krebstiere kehrten nach Kiel zurück.

Die übrigen Teile der Sammlung, darunter beispielsweise die Schmetterlinge, verbleiben vollständig in Kopenhagen. Diese Aufteilung ermöglicht eine effektive wissenschaftliche Bearbeitung durch die Fachwelt und die beteiligten Museen, da sich alle Exemplare einer Tiergruppe an jeweils einem Ort befinden.

„Wir sind besonders stolz, die Fabricius-Sammlung als wichtiges wissenschaftliches und kulturelles Erbe der CAU nun für Öffentlichkeit und Wissenschaft wieder in unserem Kieler Museum zugänglich zu machen“, betont CAU-Präsident Professor Lutz Kipp, der sich für eine Präsentation an der Kieler Universität stark gemacht hat.

„Dass wir sie nach rund 70 Jahren wieder in Kiel zeigen können, verdanken wir insbesondere Professor Thomas Bosch, der seit Langem unermüdlich dafür geworben und die Einigung mit den dänischen Kolleginnen und Kollegen maßgeblich vorangetrieben hat“, so Kipp weiter.

„Es ist eine große Freude, dass die wissenschaftlich und wissenschaftshistorisch bedeutende Sammlung des Kieler Zoologen Johann Christian Fabricius an ihre Heimat-Universität zurückkehrt und auch einem breiteren Publikum zugänglich wird.


Einige Exponate wurden rehydriert, hier die Gemeine Schwimmkrabbe aus Schleswig-Holstein, um DNA-Reste zu erhalten

Fabricius hat Standards gesetzt, die weit über seine Zeit hinausreichen“, sagte Wissenschaftsministerin Karin Prien. „Die Ausstellung ist ein Juwel in der schleswig-holsteinischen Hochschul-Landschaft, auf das die CAU zu Recht stolz sein kann.“

Von der Sammlung zum modernen Ausstellungskonzept

„Die Zeit in Kopenhagen hat sich rückblickend als Glücksfall erwiesen: Dort wurden die insgesamt rund 11.000 Kieler Objekte fachgerecht aufbereitet und neu geordnet. Daher ist die Sammlung heute in einem hervorragenden Zustand“, betont Dr. Dirk Brandis, Leiter des Zoologischen Museums Kiel und verantwortlich für die neue Ausstellung.

„Dafür gilt den dänischen Kolleginnen und Kollegen unser besonderer Dank“, hebt Brandis hervor.

Um Teile der wertvollen Sammlung angemessen für das heutige Publikum zu inszenieren, hat das Team um Brandis und Kuhlmann eine ausgewogene Mischung aus klassischen und modernen Ausstellungsformen entwickelt.

So sind ausgewählte, besonders beeindruckende Exemplare jeweils aus der Welt der Insekten und der Krebstiere mit einer speziellen Beleuchtung hervorgehoben.

 Ergänzt werden diese beiden Hauptelemente durch ein Multimedia-Konzept, das die Geschichte der Sammlung, die naturkundlichen Netzwerke des 18. Jahrhunderts und Fabricius‘ Wirken in Kiel auf attraktive und zeitgemäße Weise präsentiert.


Die wertvollen Typusexemplare aus der Sammlung stehen der Wissenschaft zur Verfügung.

Für den Exponatebau und die Entwicklung der Medientechnik mit Touch-Displays und speziellen Glasfaser-Lichtleitern investierte das Museum rund 40.000 Euro.

Insekten des 18. Jahrhunderts als Gegenstand moderner Forschung

Neben der Präsentation für Besucherinnen und Besucher ist der wissenschaftliche Wert der Fabricius-Sammlung bis heute von besonderer Bedeutung: Fabricius hatte Exemplare von jeder durch ihn benannten Art zusammengetragen.

Diese Typusexemplare sind mit dem Urmeter der Physik vergleichbar, denn alle Exemplare einer Art können an diesem Typusexemplar gewissermaßen „geeicht“ werden.

Das bedeutet, jede entsprechende taxonomisch-systematische wissenschaftliche Untersuchung weltweit muss diese Typusexemplare auch heute noch berücksichtigen.

In der Sammlung des Zoologischen Museums befinden sich nun über 3.100 Typusexemplare von Käfern und marinen Krebsen.

Um den kulturhistorischen und wissenschaftlichen Wert der Sammlung zu würdigen, hat die CAU eigens eine Position für die Kuratierung der Sammlung geschaffen. Bereits Ende 2015 konnte der Entomologe Professor Michael Kuhlmann dafür gewonnen werden, der zuvor am Londoner Natural History Museum tätig war.

Zudem investierte die Universität erheblich in die technische Ausstattung des Museums. So können die teilweise jahrhundertealten und unersetzlichen Exemplare nicht nur sicher aufbewahrt werden, das Museum kann auch dem mit der Sammlung verbundenen internationalen Forschungsinteresse gerecht werden.

„Seit wir diesen Schatz in unserem Haus haben, sind die wissenschaftlichen Anfragen stark gestiegen“, sagt Kuhlmann.

„Etwa 70 internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nutzen pro Jahr die Fabricius-Sammlung und beforschen unterschiedlichste Aspekte der Sammlung“, freut sich Kuhlmann.

So helfen die historischen Insektenindividuen unter anderem die Klimageschichte in bestimmten Regionen zu rekonstruieren oder die Faunenentwicklung über zweieinhalb Jahrhunderte nachzuvollziehen. Nicht zuletzt bildet die Sammlung ein bedeutendes Archiv, das Aufschluss über den Zustand der Biodiversität in Vergangenheit und Gegenwart erlaubt.

Wissenschaftliches Gemeingut für die internationale Zusammenarbeit

„Aus wissenschaftlicher Sicht besitzt die Fabricius-Sammlung einen kaum zu überschätzenden Wert“, betont der Zoologe und CAU-Professor Thomas Bosch, der sich bereits seit Jahren gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen darum bemühte, die Sammlung für die CAU zu gewinnen.

„Dass wir sie nun in Kiel aufbewahren können, verstehen wir auch als besonderen Auftrag für eine intensivere internationale Zusammenarbeit“, so Bosch weiter.

Es ist zum Beispiel geplant, gemeinsam mit den dänischen Kolleginnen und Kollegen die genetischen Informationen von Typusexemplaren fischereibiologisch relevanter Krebstierarten aus der Fabricius-Sammlung zu entschlüsseln.

Daraus, so hoffen die Kieler Verantwortlichen, könne sich neben den wissenschaftlichen Erkenntnissen auch eine fruchtbare Kooperation mit dem bedeutenden Kopenhagener Naturkundemuseum ergeben.

Außerdem soll die Fabricius-Sammlung in den kommenden Jahren Schritt für Schritt digitalisiert und online verfügbar gemacht werden, um die darin enthaltenen Daten für die internationale Wissenschaftsgemeinschaft unbeschränkt zugänglich zu machen.





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