Erneutes Amselsterben durch Usutu-Virus im Sommer erwartet

(19.04.2012) Bereits im Frühjahr hat das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNI) in Hamburg erneut tote Amseln aus Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz zur Untersuchung auf das tropische Usutu-Virus erhalten: Bisher fielen alle Testergebnisse bei den Vögeln negativ aus.

Auf Usutu-Viren positiv getestet wurden jedoch überwinternde Stechmücken. Deshalb rechnen die Vogelexperten des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) im bevorstehenden Sommer wieder mit Usutu-Todesfällen unter den Vögeln.

Gemeinsam fordern Wissenschaftler des BNI, NABU und der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Stechmückenplage (KABS) / Universität Heidelberg die Bevölkerung auf, tote Vögel zu melden und die Überträgermücke zu bekämpfen.

Das interdisziplinäre Expertenteam hofft damit, den Ausbruch zunächst geografisch eingrenzen zu können.

Im Sommer 2011 kam es in Deutschland erstmals zu einem Ausbruch des durch Stechmücken übertragenen Usutu-Virus und einem dadurch verursachten Massenvogelsterben in der Rheinebene und angrenzenden Gebieten (1).

Die ersten toten Amseln wurden im Rahmen eines Gemeinschaftsprojekts von Mitarbeitern der KABS aufgefunden und an das BNI weitergeleitet, wo Virologen das tropische Virus identifizierten.

Jetzt stellten sie im Rahmen dieser Kooperation fest, dass die Viren auch in überwinternden Stechmücken zu finden sind. „Wir haben bewiesen, dass das Usutu-Virus in einheimischen Stechmückenarten überwintert hat und somit im Frühsommer wieder Amseln in Deutschland infiziert werden können“, warnt Dr. Norbert Becker, wissenschaftlicher Leiter der KABS.

Für die bisher untersuchten toten Vögel aus dem Frühjahr gibt es Entwarnung: „Unsere Schnelltestergebnisse auf Usutu-Viren waren bei den 25 eingesendeten toten Vögeln alle negativ“, sagt Dr. Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der virologischen Diagnostik am BNI.

Gleichzeitig befürchtet der Mediziner und Ornithologe Dr. Stefan Bosch vom NABU insbesondere bei Amseln neue Usutu-Todesfälle im Sommer und Herbst 2012: „Ein Ausbruch ist abhängig von der Witterung im Spätfrühjahr oder Sommer zu erwarten. Je nach Stechmückenbestand könnte das Usutu-Virus auch auf Vögel weiterer benachbarter Gebiete übertragen werden.“

Das Expertenteam um Schmidt-Chanasit hat den letztjährigen Ausbruch intensiv erforscht und die Ergebnisse in der Fachzeitschrift PloS One veröffentlicht (1).

Dennoch besteht in vielen Aspekten noch erheblicher Forschungsbedarf. Zunächst gilt es aber, die vom Ausbruch betroffenen Gebiete geografisch einzugrenzen und die Überträgermücke dort zu bekämpfen, auch um die Gefahr menschlicher Infektionen zu minimieren. Und laut den drei Projektpartnern kann jeder dabei helfen.

Mitmachaktion „Stunde der Gartenvögel“

Vom 11. bis 13. Mai 2012 können sich Vogelfreunde über die NABU-Mitmachaktion „Stunde der Gartenvögel“ an der bundesweiten Bestandserfassung häufiger Vogelarten wie der Amsel beteiligen. Vogelfreunde quer durch die Republik werden aufgerufen, eine Stunde lang alle Vögel zu notieren und dem NABU zu melden.

„Durch die Vogelzählung werden wir den Bestandsrückgang, nach dem Amselsterben im Sommer 2011, erstmals mit Zahlen belegen können“, so Bosch. Mehr Informationen: www.nabu.de/ stunde-der-gartenvoegel

Melden und sicheres Einsenden toter Vögel

Infizierte Vögel sollten gemeldet werden. Sie zeigen oftmals Verhaltensauffälligkeiten und ein zerzaustes Gefieder. Der NABU bietet weitere nützliche Informationen und ein Meldeformular über seine Website www.nabu.de an. Dort können Bürgerinnen und Bürger Feststellungen dokumentieren und erstmals auch Digitalfotos beobachteter Vögel einsenden.

Um möglichst viele Tiere virologisch untersuchen zu können, müssen tot aufgefundene Amseln und andere Vögel möglichst früh an das BNI, die KABS oder ein örtliches Veterinäramt geschickt werden. Wichtige Informationen:

- Tote Vögel nicht vergraben oder mit dem Hausmüll entsorgen.
- Beim Hantieren mit toten Vögeln wird das Verwenden von Handschuhen oder umgestülpten Plastiktüten empfohlen.
- Anschließend Hände reinigen nicht vergessen.
- Vögel mit einem Kühlakku, gut gepolstert und verpackt an eine der unten genannten Adressen versenden (ausführliche Adresslisten auf www.nabu.de).
- Hinweise zum Funddatum, -ort und Kontaktdaten des Finders beilegen.
- Einsendungen mit Adressaten telefonisch absprechen (Wochenendlieferungen kritisch).
- KABS holt Totfunde (nur Oberrheinebene) nach telefonischer Absprache direkt beim Finder ab.
- Finder werden durch das BNI über das Untersuchungsergebnis unterrichtet.
- Unkosten für den Versand können nicht erstattet werden.

Bekämpfung der Überträgermücke

Jeder kann helfen, die Hausmücken als Überträger des Usutu-Virus zu bekämpfen:

- Es sollten alle unnötigen Wasseransammlungen (z. B. wassergefüllte Eimer) oder Behälter, in denen sich Regenwasser sammelt (z. B. ungenutzte Blumenvasen, Altreifen), beseitigt werden. Dort können sich viele hundert Hausmücken als Larven zu Puppen bis zum Fluginsekt entwickeln.

- Häufige Brutplätze (z. B. Regenfässer, Gullys, Jauchegruben) können mit Culinex-Bti-Tabletten behandelt werden. Die Tabletten enthalten einen Eiweißstoff von Bacillus thuringiensis israelensis, der nur Mückenlarven abtötet. Andere Tiere und der Mensch bleiben unbeschadet. Ein bis zwei Tabletten töten die Mücken für 2 bis 4 Wochen im Regenfass ab. Die Tabletten können über das Internet bestellt werden (www.culinex.de).

Das BNI, die KABS und der NABU bitten auch in diesem Jahr die Öffentlichkeit um Mithilfe, vor allem in der Oberrheinebene und benachbarten Regionen wie Baden-Württemberg, Hessen oder Rheinland-Pfalz.

Bereits im Sommer 2011 hatten zahlreiche Bürger die Wissenschaftler, durch ihre aktive Mitarbeit an diesem Forschungsprojekt, unterstützt.

(1) Becker N, Jöst H, Ziegler U, Eiden M, Höper D, Emmerich P, Fichet-Calvet E, Ehichioya DU, Czajka C, Gabriel M, Hoffmann B, Beer M, Tenner-Racz K, Racz P, Günther S, Wink M, Bosch S, Konrad A, Pfeffer M, Groschup MH, Schmidt-Chanasit J: Epizootic emergence of Usutu virus in wild and captive birds in Germany. PLoS One (2012)




Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Vetmeduni Vienna

Neue Hinweise zur Herkunft des Usutu-Virus von 2001

Im Sommer 2001 verschwand in Wien innerhalb kurzer Zeit das vertraute Zwitschern der Amseln. Mit gerichtsmedizinischen Methoden fanden Forschende der Vetmeduni Vienna jetzt neue Hinweise auf den Ausbreitungsweg des bis dahin in Europa unbekannten Usutu-Virus, das für das damalige massive Amselsterben verantwortlich war
Weiterlesen

Mit dem Usutu-Virus infizierte Amsel; Bildquelle: Jutta Böhm-Wacker

300.000 Amseln fielen 2011 dem Usutu-Virus zum Opfer

Vogelexperten des NABU haben erstmals berechnet, wie sich das Usutu-Virus in Deutschland auf den Amselbestand ausgewirkt hat. Zu diesem Zweck wurden Daten seit dem Jahr 2006 aus Deutschlands größten Vogelzählaktionen „Stunde der Gartenvögel“ und „Stunde der Wintervögel“ ausgewertet
Weiterlesen

Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNI)

Usutu-Virus verantwortlich für Amselsterben in Rheinland-Pfalz

Am 12.7.2012 haben Virologen des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNI) sechs tote Amseln aus Rheinland-Pfalz und erstmals auch eine Amsel aus Nordrhein-Westfalen positiv auf das von Mücken übertragene Usutu-Virus getestet
Weiterlesen

NABU

Gewinner der Stunde der Wintervögel: Der Haussperling

Bilanz der Vogelzählaktion belegt deutlichen Rückgang der Amseln
Weiterlesen

NABU

Deutlich weniger Amseln bei bundesweiter Wintervogelzählung

Der NABU hat eine Zwischenbilanz der „Stunde der Wintervögel“ gezogen, Meldungen zur „Stunde der Wintervögel“ sind noch bis 16. Januar möglich
Weiterlesen

Amsel Männchen; Bildquelle: Arjan Haverkamp/Wikipedia

Amselsterben geht zurück: Kälte stoppt Überträger der Usutu-Viren

Nachdem in den Sommermonaten auffallend viele tote Amseln gefunden wurden, die das in Deutschland bisher unbekannte Usutu-Virus in sich trugen, rechnet der NABU nun mit einem Abklingen der Epidemie
Weiterlesen

Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin

Amselsterben in Süddeutschland: Usutu-Virus nachgewiesen

Wissenschaftler des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNI) in Hamburg haben am 13.9.2011 das tropische Usutu-Virus in mehreren Organen einer toten Amsel aus dem hessischen Birkenau nachgewiesen
Weiterlesen

[X]
Hinweis zur Nutzung von Cookies

Diese Website nutzt Cookies zur Bereitstellung von personalisierten Inhalten, Anzeigen, Inhalten von sozialen Medien und zur Analyse des Benutzerverhaltens. Die mit Hilfe von Cookies gewonnenen Daten werden von uns selbst sowie von uns beauftragten Partnern in den Bereichen soziale Medien, Online-Werbung und Website-Analyse genutzt. Durch den Besuch unserer Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen.

Mit der weiteren Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Mehr erfahren...