Amselsterben in Süddeutschland: Usutu-Virus nachgewiesen

(14.09.2011) Wissenschaftler des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNI) in Hamburg haben am 13.9.2011 das tropische Usutu-Virus in mehreren Organen einer toten Amsel aus dem hessischen Birkenau nachgewiesen.

Die Amsel wurde im Rahmen des Projekts „Vorkommen von Stechmücken in Deutschland“ von Mitarbeitern der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Stechmückenplage (KABS) aufgefunden und an das BNI weitergeleitet.

„Dass das Massensterben der Vögel durch das Usutu-Virus bedingt ist, bleibt jedoch noch zu beweisen“, sagt Dr. Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der virologischen Diagnostik am BNI.

Bereits 2010 fand die Gruppe um Schmidt-Chanasit mit Partnern der KABS das ursprünglich aus Afrika stammende Virus erstmals in deutschen Stechmücken.(1) „Unser bundesweites Frühwarnsystem funktioniert“, erklärt Dr. Norbert Becker, Leiter der KABS.

„Der Befund ist zwar alarmierend, da Usutu-Viren auch den Menschen infizieren können, jedoch sind in Deutschland bisher keine Infektionen von Menschen diagnostiziert worden“, ergänzt Schmidt-Chanasit.

Seit etwa zwei Monaten beschäftigt ein rätselhaftes Amselsterben mit Tausenden von toten Tieren die Vogelexperten des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) vor allem in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. In einigen Gebieten sind die Amseln fast vollständig verschwunden.

Auch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der KABS in Waldsee sammeln zurzeit tote Amseln und schickten erste Vögel zur Untersuchung ans BNI. „Wir vermuteten schon, dass Usutu-Viren die Ursache sein könnten“, erklärt Becker.

Mit einem im vergangenen Jahr entwickelten Schnelltest – basierend auf der RT-PCR-Methode – bestätigte die Gruppe um Schmidt-Chanasit über Nacht die Vermutungen der Experten aus Süddeutschland.

„Diese Diagnose ist der erste Erfolg für ein funktionierendes, verlässliches Frühwarnsystem, das wir mit dem Großprojekt ‚Vorkommen und Vektorkompetenz von Stechmücken in Deutschland‘ etablieren wollten“, erklärt Schmidt-Chanasit.

Es sei wichtig, rechtzeitig vorhersagen zu können, welche durch Stechmücken übertragenen Viren sich in Deutschland ausbreiten und möglicherweise Menschen und Tiere bedrohen könnten.

Anfang des Jahres bewilligte die Leibniz-Gemeinschaft die Förderung eines interdisziplinären Forschungsprojekts mit rund einer dreiviertel Million Euro.(2) Neben dem BNI als Projektkoordinator sind das Senckenberg Deutsches Entomologische Institut (SDEI) in Müncheberg und die KABS als Projektpartner beteiligt.

Usutu-Virus auch auf Menschen übertragbar

Das Usutu-Virus ist kein reines Vogelvirus, sondern kann über einen Mückenstich auch auf den Menschen übertragen werden.

Es gibt zurzeit keine Hinweise darauf, dass das Usutu-Virus in Deutschland auf Menschen übertragen wird oder gar eine Epidemie auslöst“, beruhigt Schmidt-Chanasit. Es sei jetzt wichtig, die medizinische Bedeutung der Ergebnisse für die Bevölkerung in Deutschland näher zu untersuchen.

Im Herbst 2009 wurde erstmals Usutu-Fieber bei Patienten in Italien diagnostiziert.(3,4) Schwere Verläufe wurden bei immungeschwächten und älteren Menschen beobachtet.

Die Infektion geht mit Fieber, Kopfschmerzen und Hautausschlägen einher und kann im schlimmsten Fall eine Gehirnentzündung (Enzephalitis) auslösen.

Nach dem gestrigen Befund informierte die KABS umgehend das Gesundheitsministerium in Baden-Württemberg.

Literatur:

1 Jöst H, Bialonski A, Maus D, Sambri V, Eiden M, Groschup MH, Günther S, Becker N, Schmidt-Chanasit J: Isolation of Usutu virus in Germany. Am J Trop Med Hyg. 2011 Sep;85(3):551-3.

2 Gemeinsame Pressemitteilung des BNI und SDEI vom 18. Februar 2011:
Die deutsche Mückenlandschaft – Forschung am blutsaugenden Insekt. (www.bnitm.de unter „Aktuelles / News“ oder presse@bnitm.de)

3 Cavrini F, Gaibani P, Longo G, Pierro AM, Rossini G, Bonilauri P, Gerundi GE, Di Benedetto F, Pasetto A, Girardis M, Dottori M, Landini MP, Sambri V.: Usutu virus infection in a patient who underwent orthotropic liver transplantation, Italy, August-September 2009. Euro Surveill. 2009 Dec 17;14(50). pii: 19448

4 Pecorari M, Longo G, Gennari W, Grottola A, Sabbatini A, Tagliazucchi S, Savini G, Monaco F, Simone M, Lelli R, Rumpianesi F.: First human case of Usutu virus neuroinvasive infection, Italy, August-September 2009. Euro Surveill. 2009 Dec 17;14(50). pii: 19446.




Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Nicht nur Wildvögel, sondern auch Menschen können sich mit Usutu-Viren infizieren; Bildquelle: Georg Mair/Vetmeduni Vienna

Das Usutu-Virus ist zurück – nicht nur bei Amseln sondern auch beim Menschen

In einer Studie wurde in sieben humanen Blutspenden aus Ostösterreich das Usutu-Virus nachgewiesen, was darauf hinweist dass humane Infektionen häufiger sind als bislang angenommen
Weiterlesen

Vetmeduni Vienna

Neue Hinweise zur Herkunft des Usutu-Virus von 2001

Im Sommer 2001 verschwand in Wien innerhalb kurzer Zeit das vertraute Zwitschern der Amseln. Mit gerichtsmedizinischen Methoden fanden Forschende der Vetmeduni Vienna jetzt neue Hinweise auf den Ausbreitungsweg des bis dahin in Europa unbekannten Usutu-Virus, das für das damalige massive Amselsterben verantwortlich war
Weiterlesen

Mit dem Usutu-Virus infizierte Amsel; Bildquelle: Jutta Böhm-Wacker

300.000 Amseln fielen 2011 dem Usutu-Virus zum Opfer

Vogelexperten des NABU haben erstmals berechnet, wie sich das Usutu-Virus in Deutschland auf den Amselbestand ausgewirkt hat. Zu diesem Zweck wurden Daten seit dem Jahr 2006 aus Deutschlands größten Vogelzählaktionen „Stunde der Gartenvögel“ und „Stunde der Wintervögel“ ausgewertet
Weiterlesen

Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNI)

Usutu-Virus verantwortlich für Amselsterben in Rheinland-Pfalz

Am 12.7.2012 haben Virologen des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNI) sechs tote Amseln aus Rheinland-Pfalz und erstmals auch eine Amsel aus Nordrhein-Westfalen positiv auf das von Mücken übertragene Usutu-Virus getestet
Weiterlesen

Bernhard-Nocht-Institut

Erneutes Amselsterben durch Usutu-Virus im Sommer erwartet

Bereits im Frühjahr hat das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNI) in Hamburg erneut tote Amseln aus Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz zur Untersuchung auf das tropische Usutu-Virus erhalten
Weiterlesen

NABU

Gewinner der Stunde der Wintervögel: Der Haussperling

Bilanz der Vogelzählaktion belegt deutlichen Rückgang der Amseln
Weiterlesen

NABU

Deutlich weniger Amseln bei bundesweiter Wintervogelzählung

Der NABU hat eine Zwischenbilanz der „Stunde der Wintervögel“ gezogen, Meldungen zur „Stunde der Wintervögel“ sind noch bis 16. Januar möglich
Weiterlesen

Amsel Männchen; Bildquelle: Arjan Haverkamp/Wikipedia

Amselsterben geht zurück: Kälte stoppt Überträger der Usutu-Viren

Nachdem in den Sommermonaten auffallend viele tote Amseln gefunden wurden, die das in Deutschland bisher unbekannte Usutu-Virus in sich trugen, rechnet der NABU nun mit einem Abklingen der Epidemie
Weiterlesen

[X]
Hinweis zur Nutzung von Cookies

Diese Website nutzt Cookies zur Bereitstellung von personalisierten Inhalten, Anzeigen, Inhalten von sozialen Medien und zur Analyse des Benutzerverhaltens. Die mit Hilfe von Cookies gewonnenen Daten werden von uns selbst sowie von uns beauftragten Partnern in den Bereichen soziale Medien, Online-Werbung und Website-Analyse genutzt. Durch den Besuch unserer Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen.

Mit der weiteren Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Mehr erfahren...