Manchmal haben wir einfach keine Chance!

(13.02.2020) Kurz vor der Mittagspause sehe ich noch eine Dame, die mit einem leicht nervösen Border Collie im Wartezimmer sitzt. „Letztes Mal waren wir ja beim Herrn Doktor…“, fängt sie an, bricht aber mitten im Satz ab. Eine Kolumne von Dr. Dominique Tordy.

Bildquelle: iStock.com / Vasilisa_k Es war ein Traum, Tierärztin zu werden.

Gemeinsam mit den Frauchen und Herrchen – so dachte ich – kämpft der Tierarzt (m/w/d) heldenhaft gegen üble Krankheiten und rettet die geliebten Tiere.

Heute weiß ich: Zum Tierarzt-Beruf gehört es nicht nur, unsere Patienten zu heilen, sondern auch sie und ihre Besitzer glücklich zu machen. Das ist ein schrecklich unterschätzter Teil unserer Arbeit…

Manchmal haben wir einfach keine Chance.

Letzte Woche, kurz vor der Mittagspause, sehe ich noch eine Dame mittleren Alters, die mit einem leicht nervösen Border Collie im Wartezimmer sitzt. Eine kurze Nachfrage ergibt, sie wolle zum Doktor, um ihre Hündin impfen zu lassen.

Zufällig weiß ich, dass der Kollege gerade mit einer Behandlung beschäftigt ist, die ihn noch eine Weile beschäftigen wird.

Nun ja, dann übernehme ich eben noch die Impfung und nehme die verkürzte Mittagspause in Kauf. Was tut man nicht für Kollegen und niedliche Hunde.

„Der Kollege braucht noch etwas Zeit“, teile ich ihr mit und biete an, ihre Hündin sofort zu impfen.

Leicht zögernd steht sie auf.

„Ja, die Lilly ist ja sehr ängstlich, hier im Wartezimmer…“ presst sie hervor und folgt mir langsam in den Behandlungsraum.

Beim letzen Mal...

„Letztes Mal waren wir ja beim Herrn Doktor…“, fängt sie an, bricht aber mitten im Satz ab. Die Karteikarte verrät mir, dass sie vor zwei Wochen zum ersten Mal in unserer Praxis gewesen ist und vom Kollegen Augentropfen gegen eine leichte Konjunktivitis erhalten hat.

Ich beginne mit der Untersuchung. Lilly zuckt ein wenig zurück, als ich ihre Konjunktiven inspiziere.

Frauchen wird nervös: „Sind Sie sicher, dass Sie gut mit Lilly umgehen können? Sie ist sehr sensibel!“

Ihre Stimme wird zum Ende der Frage sehr hoch. Lilly fängt an zu zappeln. Frauchen drückt sich an die nervöse Border-Hündin.

„Ruig! Ruig! Ruig! Ruig!“, stößt Frauchen panisch aus. Lilly versucht, sich aus der Umklammerung zu befreien.

Ich bin inzwischen bei der Auskultation angekommen. „Entspannen Sie sich ein wenig“, schlage ich vor. „Das könnte auch Lilly…“

„Wie soll ich mich hier entspannen, während mein Hund Panik hat???“ Frauchens Stimme überschlägt sich fast. Lilly springt bereits mit den Vorderpfoten auf und ab.

„Ihr Hund hat einen relativ ruhigen Herzschlag…“, versuche ich sie mit Hilfe physiologischer Werte zu beruhigen.

„Sie hat Paaanik!“, schreit Frauchen. „Jetzt machen Sie schon mit der Spritze!“

Gut, dass ich die schon aufgezogen habe! Schnell hat Lilly die gewünschte Impfung, und wir alle sind froh, dass das Drama jetzt gleich ein Ende haben wird.

Lilly schüttelt sich schon mal.

„Ihr Kollege ist viel besser mit ihr umgegangen“, giftet mich Frauchen an.

Schnell öffne ich ihr die Tür und wünsche noch einen schönen Tag. Ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, stolziert Frauchen an mir vorbei.

Vor der Tür

Doch vor der Tür scheint ihre Anspannung ganz plötzlich von ihr abzufallen. Sie stolziert auch nicht mehr, sondern bleibt leicht verwirrt stehen.

Vor ihr, im Wartezimmer, steht mein Kollege.

„Oh, Herr Doktor, Sie sind ja auch da …“, haucht sie.

Ich sehe ihre plötzlich aufleuchtenden Augen. Ich realisiere die perfekt geschminkten Lippen.

Jetzt fällt mein Blick auch auf die knallenge Hose, in die sie sich für den Besuch in der Praxis offensichtlich gezwängt hat …

Und mir wird bewusst: Heute habe ich einfach keine Chance gehabt, sie wirklich glücklich zu machen.


Sie fühlen sich davon angesprochen? Denken ähnlich? Oder sind ganz anderer Meinung? Schreiben Sie uns, was Sie bewegt!

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Titelbild: iStock.com / Vasilisa_k

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