Hoch wissenschaftlicher Aberglaube

(16.07.2020) Manchmal treffen wir als Tierärzte auf einen Gegner, mit dem wir nicht gerechnet hatten, für dessen Bekämpfung wir nicht ausgebildet sind und gegen den keine unserer Waffen wirksam ist! Eine Kolumne von Dr. Dominique Tordy.

Es war ein Traum, Tierärztin zu werden.

Gemeinsam mit den Frauchen und Herrchen – so dachte ich – kämpft der Tierarzt (m/w/d) heldenhaft gegen üble Krankheiten und rettet die geliebten Tiere. Dabei ist dies nur ein Teil unserer Arbeit...

Manchmal treffen wir als Tierärzte auf einen Gegner, mit dem wir nicht gerechnet hatten. Einen Gegner, für dessen Bekämpfung wir nicht ausgebildet sind und gegen den keine unserer Waffen wirksam ist!

Es ist das Schicksal, die Fügung oder göttliche Entscheidung – wie auch immer man es nennen möchte.

Wir alle haben es wohl schon erlebt, dass ein Patient, den wir ganz besonders ins Herz geschlossen hatten, trotz aller Bemühungen gestorben ist. In solchen verzweifelten Momenten brauchen wir Erklärungen, kleine Trost-Stützen für den Kopf, auch wenn sie völlig unvernünftig erscheinen.

Aber auch kleinere Geschehnisse, die vielleicht nicht so schlimm sind, fordern manchmal unsere Fantasie heraus.

Und so schleichen sich in unseren hoch wissenschaftlichen Alltag zutiefst abergläubische Rituale ein.

Über spezielle Mythen und verbotene Wörter

Nicht nur der generelle Glaube an besonders viele Unglücksmomente an Montagen beschäftigt uns. Wir Tierärzte haben unsere ganz spezifischen kleinen Mythen – wahrscheinlich mehr als jeder Eishockey-Star, obwohl diese Berufsgruppe dafür ja besonders anfällig sein soll.

In einer Kleintierpraxis oder -klinik darf man zum Beispiel nie das Wort „Magendrehung“ aussprechen – sonst klingelt gleich das Telefon oder die Türglocke und ein Hund mit Magendrehung versetzt das ganze Haus in den Ausnahmezustand.

Genauso ist der Satz „Heute ist es aber ruhig.“ strikt verboten. Denn das ist meist der Startschuss für eine ganze Karawane aus Patienten, die anscheinend nur vor der Haustür gewartet hat und sich jetzt vor der Rezeption aufstellt.

Und es stimmt! Ich war live dabei, als eine unvorsichtige neue Assistenzärztin eines Nachts das Schicksal herausforderte:

„Es ist mir egal, ob man das aussprechen darf. Ich freue mich, dass der Nachtdienst heute mal etwas ruhiger ist.“ Zack! – Das Telefon klingelte und ein Patient wurde angekündigt.

„Das ist reiner Zufall!“, sprach sie nach dem Telefonat – und schon klingelte es wieder. Während sie telefonierte, fingen wir anderen an zu kichern.

„Das lag überhaupt nicht an mir! Außerdem sind es nur zwei weitere Patienten!“, rief sie – und das Telefon antwortete erneut mit einem Klingeln!

Wir konnten weiteres Elend nur aufhalten, indem wir sie verpflichteten, alle Patienten, die sie mit ihrem Leichtsinn „herbeirief“ auch selbst zu behandeln. Da hielt sie endlich den Mund…

Keiner von uns hat später noch einmal etwas Ähnliches riskiert!

Einmal wäre einmal zu wenig

Ein früherer Kollege glaubte dagegen an die „Duplizität der Fälle“. Wenn eine schwierige Operation nötig wurde, behauptete er, dass innerhalb weniger Tage erneut etwas Ähnliches passieren würde – und behielt recht.

Ebenso habe ich die Regel gelernt: Wenn der Freitagsdienst leicht ist, dann ist im darauffolgenden Samstagsdienst die Hölle los. True story – genauso geschieht es!

Deswegen ist es in einigen Praxen und Kliniken auch verpönt, laut auszusprechen, wenn man einen Tierhalter besonders sympathisch findet oder sich in einen Hund oder eine Katze verguckt hat. Zumindest nicht, bevor dessen Krankheit ganz sicher überstanden ist!

Ich persönlich pflege noch das Ritual der „Glücks-Braunüle“.

Als Anfänger beschlich mich das Gefühl, dass der erste Versuch, einen venösen Zugang zu legen, immer genau dann misslang, wenn kein Ersatz-Material bereitlag.

Deswegen bestand ich irgendwann auf eine „Glücks-Braunüle“, die stets griffbereit sein musste – und traf immer sicherer die Vene.

Inzwischen bin ich Profi – aber von meinem Glücksbringer mag ich dennoch nicht ablassen und empfehle ihn auch gerne weiter.

Freitag der 13. lässt mich dagegen völlig kalt – schließlich bin ich ja nicht verrückt!


Sie fühlen sich davon angesprochen? Denken ähnlich? Oder sind ganz anderer Meinung? Schreiben Sie uns, was Sie bewegt!

PS: Kennen Sie auch schon die neuen Websites DOG ROYALZ und CAT ROYALZ, auf denen sich Hunde und Katzen als Mitglieder registrieren lassen können. Highlight dabei ist die tiermedizinische Notfalldatenbank.

Titelbild: Sidney A. Tordy

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