Der Tierarzt-Parcours

(11.06.2020) Bei einem Tierarzt-Besuch gibt es viele kleine Einzelereignisse, die von Hunden, Katzen und ihren Frauchen und Herrchen gleichermaßen gefürchtet werden. Eine Kolumne von Dr. Dominique Tordy.

Es war ein Traum, Tierärztin zu werden.

Gemeinsam mit den Frauchen und Herrchen – so dachte ich – kämpft der Tierarzt (m/w/d) heldenhaft gegen üble Krankheiten und rettet die geliebten Tiere. Dabei ist dies nur ein Teil unserer Arbeit...

Bei einem Tierarzt-Besuch gibt es viele kleine Einzelereignisse, die von Hunden, Katzen und ihren Frauchen und Herrchen gleichermaßen gefürchtet werden. Dazu gehören im Allgemeinen Spritzen, die rektale Temperaturmessung, das Krallenschneiden und vieles mehr.

Aber zusammen mit einigen anderen Herausforderungen, die unsere Patienten bei ihren Besuchen oft zu überwinden haben, ergibt sich ein regelrechter Survival-Parcour.

Darum möchte ich heute den Athleten, also unseren Patienten, den gebührenden Respekt zollen.

Der Startschuss fällt beim Betreten der Praxis!

Hier machen vor allem kleine Hunde eine Erfahrung, die einem Saunabesuch unter erhöhtem Druck ähnelt. Sie werden vor lauter Aufregung von ihren Haltern an die Brust gepresst. Gesteigerte Aufregung oder auch große Brüste der Tierhalter verstärken den wärmenden Effekt noch. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Thermometer draußen -10 oder +30°C zeigt.

Katzen dagegen werden in ihren Boxen oft unsanft gegen Türrahmen, Stuhllehnen oder den Tisch der Anmeldung gestoßen, wenn ihre Halter in der Aufregung nicht so geschickt sind wie sonst.

Weiter geht es im Wartezimmer, der nächsten Etappe.

Hier angekommen folgt – passend zu den gerade recht modernen Masern- und Corona-Partys – eine besondere Herausforderung, speziell für das Immunsystem.

Da darf der gesunde Hund, der zur Impfung gekommen ist, erst einmal den Po des Nachbarhundes beschnüffeln, der wegen anhaltenden Durchfalls vorgestellt wird.

Über den Trinknapf kann ein anderer Hund ein paar Würmer für die folgenden Patienten hinterlegen.

Der Welpe, der neugierig auf jeden anderen Hund reagiert und dann auch mal „hallo sagen“ darf, hat die Chance zum ersten Mal zu erleben, wie sich Hunde- oder Hundeflohbisse anfühlen.

Katzen bekommen zwar in ihren Boxen etwas weniger Körperkontakt zu spüren, haben dafür aber immer wieder die Gelegenheit, eine Nahtoderfahrung zu machen, wenn sie in ihren Boxen oder Körben sitzen und von oben, unten, links, rechts und hinten durch Wände begrenzt sind – während von vorne ein ausgiebig schnuppernder Hund mit der Nase an das Boxen- oder Korbgitter stößt.

Auch aufgeregt bellende Mit-Patienten verursachen oft eine Beschallung, der sich die Samtpfoten zum Glück in keiner anderen Lebenslage stellen müssen.

Weiter in den Behandlungsraum

Sind die Herausforderungen im Wartezimmer überstanden, geht es weiter in den Behandlungsraum. Dieser Teil des Parcours ist besonders schwierig, weil mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erfüllen sind.

Zum einen müssen sich unsere Patienten in einer für sie schwer verständlichen Situation „vernünftig“ verhalten, auch wenn Frauchen oder Herrchen gerade mit ihrem hektischen Verhalten den Katastrophenzustand ausrufen. Aber man wächst ja bekanntlich mit seinen Aufgaben.

Gleichzeitig sind, je nach Vorstellungsgrund, die oben bereits erwähnten, bekannten und anerkannten Übergriffe zu ertragen, die ein Tierarzt-Besuch mit sich bringt: Man wird als Hund oder Katze ungehemmt angestarrt, an den Ohren gezogen, damit der Tierarzt besser hineinsehen kann, anal mit Fingern oder Fieberthermometern belästigt oder ausgiebig im Gesicht befummelt. Auch die Suche nach Lahmheitsursachen ist eine harte Prüfung für Vertrauen und Selbstbeherrschung.

Einige Halter versuchen zusätzlich in der Praxis alle antrainierten Kommandos zu präsentieren. Für mich als Prüfungspaniker wäre das wahrscheinlich die größte Schwierigkeit. Aber es gibt immer wieder Hunde, die es auch in solchen Stresssituationen schaffen, das Gelernte abzurufen. Ihnen gilt hier mein besonderer persönlicher Respekt!

Das Finale

Dafür folgt anschließend das Finale: Das Verlassen der Praxis oder Klinik. Dieser Punkt ist wieder etwas leichter zu meistern.

Trotzdem können einige Hunde noch die spirituelle Erfahrung machen, die sich einstellt, wenn das Gehirn mit Sauerstoff unterversorgt ist – beim hektischen Zug an der Leine, wenn sie nach dem Stress wieder in die Freiheit ziehen.

Wer diesen Hindernislauf meistert, verdient Anerkennung.

Deswegen gibt es heute eine imaginäre Teilnehmerurkunde für alle unsere tierischen Patienten, die sich tapfer durchkämpfen – und eine Ehrenmedaille, wenn dabei niemand ernsthaft verletzt wird!

Bildquelle: beigestellt


Sie fühlen sich davon angesprochen? Denken ähnlich? Oder sind ganz anderer Meinung? Schreiben Sie uns, was Sie bewegt!

PS: Kennen Sie auch schon die neuen Websites DOG ROYALZ und CAT ROYALZ, auf denen sich Hunde und Katzen als Mitglieder registrieren lassen können. Highlight dabei ist die tiermedizinische Notfalldatenbank.

Titelbild: Sidney A. Tordy

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