Was darf’s denn heute sein?

(30.04.2020) Es wird Sommer und gewissermaßen beginnt jetzt die Saison für Tierärzte. Da wagt man doch mal einen Blick auf andere Berufe: den Eisverkäufer. Eine Kolumne von Dr. Dominique Tordy.

Es war ein Traum, Tierärztin zu werden.

Gemeinsam mit den Frauchen und Herrchen – so dachte ich – kämpft der Tierarzt (m/w/d) heldenhaft gegen üble Krankheiten und rettet die geliebten Tiere.

Heute weiß ich: Zum Tierarzt-Beruf gehört es nicht nur, unsere Patienten zu heilen, sondern auch sie und ihre Besitzer glücklich zu machen. Das ist ein schrecklich unterschätzter Teil unserer Arbeit…


Es wird Sommer. Die Chefs von Kliniken und Praxen entspannen sich, weil die Umsätze wieder steigen, während die angestellten Tierärzte ins Schwitzen geraten, weil immer mehr Patienten durch die Tür kommen und auch abends kein Ende mehr abzusehen ist.

Die Katzenhalter lassen bei warmen Temperaturen die Fenster offen stehen, was die Stubentiger dazu verführt, auf dem Fensterbrett oder dem Dach spazieren zu gehen. Leider rutscht so manche Samptpfote dabei ab und braucht anschließend tierärztliche Hilfe.

Auch die Vögel und Schmetterlinge, die im Freien locken, sind da keine Hilfe.

Außerdem werden die Hunde bei warmen Temperaturen und Sonnenschein wieder mit wachsender Begeisterung ausgeführt. Sie begegnen mehr Artgenossen, trinken aus Pfützen, gehen schwimmen und so lassen sich vermehrte Beißvorfälle und Erkrankungen des Verdauungstraktes nicht vermeiden.

Auch Grillabende werden – mit oder ohne Corona – wieder zelebriert und die Vierbeiner fühlen sich oft verpflichtet, sich um Fleisch-„Reste“ zu kümmern. Da kann es schon einmal vorkommen, dass neben dem Fleisch auch noch ein Grillspieß im Hund verschwindet oder dass die Bauchspeicheldrüse einer Katze streikt, nachdem das würzige Fleisch in aller Eile heruntergeschlungen wurde.

Und schließlich haben es auch Herzpatienten bei steigenden Temperaturen nicht leicht.

Gewissermaßen ist Saison für Tierärzte, die nicht einmal von der derzeitigen Situation beeinträchtigt wird.

Beneidenswert!

Da wagt man doch mal einen Blick auf andere Berufe, die auch gerade Saison haben.

Da fällt mein (etwas neidischer) Blick auf den Eisverkäufer.

Für mich ebenfalls ein sehr wichtiger Beruf. Eis setzt dem Glücksgefühl die Krone auf! Und auch bei Liebeskummer, Jobfrust oder vor einer bevorstehenden schwierigen Aussprache ist ein Eis oft genau das Richtige!

Ein Eis macht glücklich und jeder liebt den Eisverkäufer gleich mit dazu!

Der hat es leicht, sich beliebt zu machen, denke ich. Der verkauft süßes, kühles Eis und hat mit Sorgen nicht viel am Hut.

Dennoch kann man sich auch als Tierarzt etwas von ihm abgucken.

Ein guter Eisverkäufer ergänzt seine reine Pflichterfüllung (Eis in Hörnchen schaufeln) durch kleine Extras.

Die meisten Kunden im Eiscafé kennen den Vorgang, bei dem der Eisverkäufer mit verschwörerischem Blick das kleine Hörnchen mit einer besonders großen Menge Eis belädt. Wahrscheinlich wäre es für alle Seiten praktischer, wenn er dabei ein größeres Hörnchen benutzen würde. Aber das würde seinen Auftritt kaputt machen und ihn die Bewunderung kosten, die er für das kunstvoll gefüllte Hörnchen bekommt.

Und ein wenig gratis „Zuckerkonfetti“ lässt uns den Eisverkäufer noch mehr in unser Herz schließen.

Da stellt sich die Frage: Wo bekomme ich jetzt als Tierarzt so etwas wie Zuckerkonfetti für kranke Tiere und ihre Halter her?

Die Antwort: Jedes kleine Extra zählt! Klar, wenn möglich gibt man eine Runde Leckerchen aus, aber auch der Tiername mit einem Herzchen auf der Tabletten-Packung oder ein Sternchen-Aufkleber für das Abtrainieren überflüssiger Pfunde freut die Kundschaft.

Und ein bisschen Show bei der Pflichterfüllung ist auch erlaubt. Ein vertrauliches „Gespräch“ mit dem Haustier erfreut den Tierhalter und geht uns meist auch leicht über die Lippen – ob der angesprochene Vierbeiner nun antwortet oder nicht.

Danke, lieber Eisverkäufer, dass ich bei dir abgucken darf.

Oder doch gar nicht so?

Bei längerem Nachdenken... bist du aber vielleicht gar nicht so sehr zu beneiden.

Ich erinnere mich an eine Bestellung am Nachbartisch (als wir noch ins Eiscafé gehen konnten):

„Ich hätte bitte gerne einmal den Erdbeerbecher. Aber bitte ohne Erdbeereis. Bitte nur Schoko. Und vielleicht Stracciatella. Aber nicht so überkühlt. Letztes Mal tat es doch irgendwie an den Zähnen weh. Und haben Sie kalorienfreie Sahne? Übrigens wollen wir gleich noch ins Kino – in 5 Minuten sollte unser Eis spätestens auf dem Tisch stehen.“

Diese Kunden des Eisverkäufers kennen wir auch in unserer Praxis. Bei uns könnte die Bestellung dieser Kunden ungefähr so klingen:

„Bitte machen Sie meinen Schatz gesund! Aber bitte ohne Chemie! Und nicht, dass sie ihm Angst machen. Er lässt sich nicht gern von Fremden anfassen. Und er mag auch keine Spritzen! Tabletten kann ich ihm leider auch nicht eingeben. Er sollte übrigens in drei Tagen fit für den Urlaub sein!“

Da hilft auch nur, ruhig zu bleiben und das Möglichste zu tun...

Aber zum Glück sind die meisten Kunden ja einfach nur auf der Suche nach einem leckeren Eis oder in unserem Fall nach tierärztlicher Hilfe für ihr geliebtes Tier. Da gibt man doch gern ein kleines Extra dazu.

In diesem Sinne: Was darf’s denn heute sein?




Sie fühlen sich davon angesprochen? Denken ähnlich? Oder sind ganz anderer Meinung? Schreiben Sie uns, was Sie bewegt!

PS: Kennen Sie auch schon die neuen Websites DOG ROYALZ und CAT ROYALZ, auf denen sich Hunde und Katzen als Mitglieder registrieren lassen können. Highlight dabei ist die tiermedizinische Notfalldatenbank.

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