Super-Vet

(11.09.2020) Was wäre, wenn wir mit übernatürlichen Kräften ausgestattet wären, mit einem dritten Arm, oder sogar einem Vierten? Wir wären schneller, geschickter, und würden mit etwas Übung auch noch elegant aussehen. Aber wäre dann alles gut? Eine Kolumne von Dr. Dominique Tordy.

Es war ein Traum, Tierärztin zu werden.

Gemeinsam mit den Frauchen und Herrchen – so dachte ich – kämpft der Tierarzt (m/w/d) heldenhaft gegen üble Krankheiten und rettet die geliebten Tiere. Dabei ist dies nur ein Teil unserer Arbeit...


„Wo ist der dritte Arm, wenn man ihn braucht?!?“, stöhnt die TFA an meiner Seite, während sie mit der einen Hand den Katzenkopf hält, mit der anderen ein Katzenbein, mit dem Ellenbogen den Katzen-Po sichert und zwischen ihrer Schulter und ihrem Kopf eine Infusionsflasche oder ein Telefon einklemmt.

„Hmhmmm…“, antworte ich. Aufsehen kann ich gerade nicht. Sprechen ist ebenfalls nicht möglich, weil ich unerlaubterweise eine Kanülenkappe zwischen den Zähnen halte. Meine Hände brauche ich, um der unkooperativen Katze einen venösen Zugang zu legen.

Die Katze äußert fauchend ihren Unmut, sprüht eine Ladung Durchfall auf den Tisch und ich schiele auf die Papiertücher, die leider ein Stück außer Reichweite liegen.

Oh ja! Jetzt wäre ein dritter Arm toll! Oder sogar ein vierter!

Der würde mich zu Quattro-Vet machen! Ich wäre schneller, geschickter, würde meine Kollegen entlasten und mit etwas Übung auch dann noch elegant aussehen, wenn etwas vom Tisch fällt – indem ich es blitzschnell auffange!

À propos blitzschnell, es wäre auch sehr hilfreich, wenn ich mich in Hypergeschwindigkeit bewegen könnte! Als der Vet-Flash könnte ich meine Hand schneller wegziehen als Krallen und Zähne zuschlagen können und meine Hände würden dann immer unversehrt aussehen.

Auch als X-ray-Vet wäre das Tierarzt-Leben leichter. Der Röntgenblick ersetzt hier teure Geräte, Pferde treten keine Röntgenplatten weg, der Sitz von Osteosynthese-Implantaten kann in Echtzeit noch im OP gecheckt werden und wenn sich die Lage eines Fremdkörpers im Körper ändert, ist er dennoch leicht aufzufinden. Zumindest, solange er röntgendicht ist.

Wenn der Fremdkörper nicht röntgendicht ist, muss ich als Kinesio-Vet ran: Ich schließe die Augen, ertaste im Geiste den Fremdkörper, greife ihn mit rätselhaften Kräften und bewege ihn gefühlvoll durch den Körper. Grannen gleiten wie von Fingern geführt auf dem kürzesten und sichersten Weg nach außen, verschluckte Fremdkörper wandern den Magendarmtrakt hinauf und zum Maul wieder hinaus. Wenn der Patient schön still hält, funktioniert das natürlich auch ohne Narkose!

Ein Nice-to-have wäre auch die Kraft des Gedankenlesens! Empatho-Vet scannt die Gedanken von Mensch und Tier, ist vor herannahenden Ausbrüchen gewarnt und kann exakt auf Ängste, Ärger, Hoffnungen und Wünsche eingehen und so immer die passende Umgangsform wählen.

Aber am schönsten wäre doch Heilen durch Handauflegen! Pet-Vet streichelt Tiere jeder Art einfach gesund! Und wird wegen der sanften Heilmethoden auch noch von der Kundschaft geliebt. Da das Heilen durch Handauflegen überdies schnell geht, kein Material braucht und nicht durch die GOT geregelt ist, kann Pet-Vet auch noch gemeinnützig arbeiten und abends sorglos einschlafen, sicher, dass alle Patienten wohlauf sind.


Zu viel verlangt?

Das wäre wirklich traumhaft – aber wohl leider zu viel verlangt.

Und die Superkräfte könnten ungeahnte Nachteile im Privatleben mit sich bringen!

Ein dritter oder vierter Arm wäre dann vielleicht sogar lästig. Mein Partner würde sich vielleicht noch bei der einen oder anderen Gelegenheit darüber freuen, aber die Kleiderauswahl wäre doch extrem eingeschränkt. Und wie würde ich im Bikini aussehen?

Wenn bekannt werden würde, dass ich die Hypergeschwindigkeit beherrschte, dann könnte ich mich wohl auch im privaten Bereich vor Zusatzaufgaben nicht mehr retten.

Und was ich mit dem Röntgenblick alles erfahren würde, will ich lieber doch nicht wissen.

„Geschafft!“, sagt die TFA in meine Gedanken hinein.

Die Katze ist mit Medikamenten versorgt, an die Infusion angeschlossen und sitzt schon in ihrer Box. Anscheinend habe ich das alles erledigt, während ich vor mich hinträumte.

Als Sleepless-Vet im Nachtdienst, morgens um 5 Uhr kann das schonmal passieren.  Gähnend beende ich meine Träumereien: Wahnsinn – ich bin also doch einer der Super-Vets!


Sie fühlen sich davon angesprochen? Denken ähnlich? Oder sind ganz anderer Meinung? Schreiben Sie uns, was Sie bewegt!

PS: Kennen Sie auch schon die neuen Websites DOG ROYALZ und CAT ROYALZ, auf denen sich Hunde und Katzen als Mitglieder registrieren lassen können. Highlight dabei ist die tiermedizinische Notfalldatenbank.

Titelbild: Sidney A. Tordy

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