In der Regenbogen­presse der Haustiere – Wir sind die Stars!

(15.05.2020) In einem Moment wird man heiß geliebt, im nächsten hart verurteilt. Unsere Schlagzeilen sind immer dramatisch, immer emotional. Wie bei den Stars. Eine Kolumne von Dr. Dominique Tordy.

Es war ein Traum, Tierärztin zu werden.

Gemeinsam mit den Frauchen und Herrchen – so dachte ich – kämpft der Tierarzt (m/w/d) heldenhaft gegen üble Krankheiten und rettet die geliebten Tiere.

Heute weiß ich: Zum Tierarzt-Beruf gehört es nicht nur, unsere Patienten zu heilen, sondern auch sie und ihre Besitzer glücklich zu machen. Das ist ein schrecklich unterschätzter Teil unserer Arbeit…


Manchmal komme ich mir als Tierärztin wie ein Star in der Regenbogenpresse vor. In einem Moment wird man heiß geliebt, im nächsten hart verurteilt. An einem einzigen Tag könnten die Schlagzeilen über mich etwa so lauten:

„Liebevolle Tierärztin rettet süßem Mümmelmann das Augenlicht - Heuhalm erfolgreich aus dem Augenwinkel entfernt!“
Oder:
„Einfühlsame Tierärztin schafft das Unmögliche! Erste Impfung ohne Aufjaulen des kleinen Angstpatienten!“

Aber auch:

„Brutale Tierärztin nutzt Nadeln, dick wie Ofenrohre, zur Chipkennzeichnung hilfloser Haustiere!“
Oder:
„Ungeahnte Gefahren in Deutschen Tierarztpraxen - Gesunder Mops verliert bei Routine-OP fast das Leben!“

Die Meldungen könnten nicht weiter von einander entfernt sein. Sie sind entweder absolut positiv oder absolut negativ. Aber sie haben auch etwas gemeinsam. Sie sind immer dramatisch, immer hoch emotional aufgeladen.

Strahlende Heldin oder Versager, Tierquäler, Abzocker?

Entweder erscheine ich als strahlende Heldin des Tages oder als Versager, Tierquäler, Abzocker.

Ich war schon „Engel“, „Heldin“, „Retterin“.

Und genauso war ich die Ärztin, die „schlecht beraten hat“, die Ärztin, die „nur Geld verdienen wollte“, die Ärztin, die „keine Ahnung von ihrem Beruf hatte“.

Auch wenn positives Feedback überwiegt, die einzelnen Anschuldigungen treffen fast immer ins Herz eines engagierten Tierarztes/einer engagierten Tierärztin, insbesondere wenn man im Internet öffentlich an den virtuellen Pranger gestellt wird. Solche Bewertungen finden - wie bei den Stars - in der Öffentlichkeit statt, vor Publikum. Das sind nicht nur die Kollegen in der Praxis, sondern auch andere Haustierbesitzer oder private Bekannte.

Seit ein paar Jahren wünsche ich mir, dass das nicht so wäre, dass einfach nur die Wahrheit berichtet werden würde.

Wie könnte das aussehen? Wie würden dieselben Schlagzeilen wohl in einem seriösen Anzeiger lauten?

Zum Beispiel so:
„Immer wieder finden Tierärzte Fremdkörper in den Augen kleiner Heimtiere“

Hmmm! Durchaus korrekt. Aber mal ehrlich, die Meldung wird doch nicht ansatzweise dem Gefühl gerecht, das man hat, wenn man ein armes Kaninchen von einem Heuhalm befreit, der ihm im Auge steckt!

So auch die nächste Schlagzeile. Sie könnte in einer ernsthafteren Zeitung so aussehen:
„In der Tierarztpraxis zeigen Hunde unterschiedliche Reaktionen auf geringfügige Schmerzreize“

Stimmt. Aber Erfahrung, gute Ablenkung und ein bisschen „Magie“ sind doch wohl auch mit im Spiel, wenn eine Impfung möglichst angst- und stressfrei ablaufen soll! Ich mache mir schließlich jede Menge Gedanken, wie ich eine Injektion möglichst stressfrei setze! Das darf ruhig durch ein wenig Freude auf allen Seiten gekrönt werden.

Umgekehrt könnten die negativen Schlagzeilen im nüchternem Schreibstil vielleicht angenehmer klingen:
„Dank moderner Technik können Haustieren Kennzeichnungschips mithilfe von großlumigen Nadeln implantiert werden“

Genau! Uns wäre es doch auch lieber, wenn die Nadeln noch kleiner wären. Aber aus der Tatsache, dass bei der Setzung der Chips noch keine Alternative gefunden worden ist, muss man doch kein Drama machen. Und vor allem ist es nicht dem behandelnden Tierarzt/ der behandelnden Tierärztin anzulasten.

Und schließlich:
„Übertriebene Zuchtmerkmale können das Narkoserisiko für Haustiere erhöhen“

Neu ist die Info nicht. Aber es kann einfach nicht oft genug gesagt werden!

Und es ist besser und hilfreicher als die öffentliche Anklage für einen Mops, der sich nicht so schnell von der Narkose erholt wie erhofft.

Im Grunde wäre es natürlich vernünftiger, alle Aktionen eines Tierarztes/ einer Tierärztin korrekt und nüchtern abzudrucken.

Aber das würde unser Leben doch nicht ansatzweise erfassen!

Unser Berufsleben... eine dramatische Daily Soap!

Unser Berufsleben besteht schließlich aus Liebe, Hass, Drama, Aufregung, Tränen der Freude und der Trauer… wie in jeder erfolgreichen, weil hoch emotionalen und dramatischen Daily Soap!

Es entspricht tatsächlich eher dem Inhalt einer bunten Illustrierten als dem eines seriösen Nachrichtenblatts. Meldungen im Stil einer ernsthaften und nüchternen Zeitung würden der Wirklichkeit einfach nicht gerecht werden!

Mit diesem Bewusstsein fällt es vielleicht etwas leichter, all die verschiedenen und emotionalen Rückmeldungen anzunehmen, die wir tagtäglich bekommen. Wir dürfen uns bloß nicht entmutigen lassen, auch wenn sie uns manchmal ins Herz treffen.

Aber gegen die harten, oft ungerechtfertigten Anklagen können wir etwas tun!

Schließlich sind wir auch oft genug die „Stars“ in der Presse der Haustierwelt. Und im Fernsehen der „normalen Welt“ äußern sich Stars und Sternchen ebenfalls ständig, sowohl zu ihren Spezialthemen als auch zu ganz allgemeinen Themen.

Wir sollten unsere Themen im persönlichen Bereich ansprechen, zum Beispiel, wenn wir Menschen mit Tieren in Parks oder woanders treffen, aber auch öffentlich, beispielsweise  auf Vorträgen, im Bereich Social Media, und auf Veranstaltungen. Da sind wir Tierärzte häufig viel zu leise.

„Stars“ haben es nicht immer leicht, aber sie haben auch große Möglichkeiten.

Und in der Welt der Haustiere sind wir eben die Stars der Regenbogen­presse, im positiven und im negativen Sinn!



Sie fühlen sich davon angesprochen? Denken ähnlich? Oder sind ganz anderer Meinung? Schreiben Sie uns, was Sie bewegt!

PS: Kennen Sie auch schon die neuen Websites DOG ROYALZ und CAT ROYALZ, auf denen sich Hunde und Katzen als Mitglieder registrieren lassen können. Highlight dabei ist die tiermedizinische Notfalldatenbank.

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